Archiv der Kategorie Bildung

Ein Erwachen für österreichische Unis?

Ich habe gezögert, in die allgemeine Kommentarflut über die Zustände an österreichischen (insbesondere Wiens) Unis einzusteigen. Zu sehr ist das Thema zu Semesterbeginn eine Mode. Und wer glaubt dem Wissenschaftsminister schon seine (Aus-)Reden? Lohnt es sich also, sie zu kommentieren? Ein paar Anmerkungen will ich versuchen, weil mir scheint, dass etwas in der Debatte zu kurz kommt.

Indirekt hat der Herr Minister eingestanden, dass die Studiengebühren Leute vom Studieren abhielten (was die ÖVP stets leugnete!) als er meinte, die überfüllten Hörsäale seien deshalb, weil nun keine Studiengebühren mehr anfielen. Wären tatsächlich nur die “Karteileichen” von der Budgetsanierungsaktion “Studiengebühren” betroffen gewesen (wie die ÖVP zu behaupten pflegte), so dürfte deren nunmehrige Rückkehr in die Karteien ja keinen Platz im Hörsaal beanspruchen! Doch die Platzfrage ist nur ein Teil des Problems.  Und zwar Teil eines Problems, das älter ist.

Vorweg, worüber Einigkeit herrscht:

+ Die Lage an den hiesigen Unis ist schlimm.

+ Schuld daran ist nicht der Bachelor. Schuld daran sind auch nicht die “abgeschafften” (tatsächlich nicht völlig abgeschafften!) Studiengebühren.

+ Bessere Unis würden Geld kosten. Wenn überhaupt Studiengebühren, dann so, dass sie a) den Unis was bringen und b) ein funktionierendes Stipendiensystem dafür sorgt, dass alle, die bedürftig sind, tatsächlich genug bekommen, um studieren zu können. Von letzterem ist Österreich weit entfernt.

Die Einigkeit endet bei der Frage der Finanzen. Soll ein besseres Studiengebühren-System kommen (höhere Beiträge, aber mitsamt den dazugehörenden sozialen Ausgleichsmaßnahmen) oder ist der “freie Hochschulzugang” in Österreich einfach sakrosankt? (Könnte die linke Reichshälfte dieser Republik überhaupt in der Lage sein, etwas abzuschaffen, das ausgerechnet Kreisky eingeführt hat?) Bei manchen Postings der letzten Wochen zum Thema Studiengebühren hatte man den Eindruck, es gehe um Glaubensbekenntnisse. Also will ich ein bisschen Ketzerei in beide Richtungen versuchen:

Unis brauchen Geld. Was hieße ein ernstzunehmendes Studiengebührensystem mitsamt ausreichend Stipendien? Nehmen wir an, es würde gut funktionieren. Teure Unis würden ihre Beiträge kassieren und wer das Geld nicht hat, dem/der wird geholfen. Einwand Nr. 1: Als gelernte Österreicherin muss ich massive Zweifel daran hegen, dass es funktioniert. Studiengebühren, die nicht irgendwo im Budget versinken sondern tatsächlich an die Uni gelangen? Schön wär’s! Wichtiger ist mir Einwand Nr. 2: Nehmen wir tatsächlich an, es würde funktionieren. Täte das umfangreiche Unterstützungssystem, das hier notwendig wäre, am Ende ebenso viel kosten, wie wenn man gleich keine Gebühren einheben täte?  - Sondern das entsprechende Geld einfach direkt den Unis gäbe? Gewiss wäre es ungerecht, dass dann ein paar Reiche auch gratis studieren können. Aber vielleicht wäre diese (durchaus ertragbare) Ungerechtigkeit für das Staatsbudget harmloser als der riesige Apparat eines adequaten Stipendiensystems?

Und die Heiligkeit des “freien Hochschulzugangs” in Österreich? Ja, ich bin eine derer, die nicht studiert hätten, wären da schon zu Beginn meines Studiums Studiengebühren gewesen! Aber heißt das nun, dass in Österreich immer alle so gut studieren konnten? Seien wir ehrlich: Nein.

Der freie Hochschulzugang, wie er sich darstellte, als meine Jahrgänge die Maturaklassen verließen, hieß, dass alle inskribieren durften. Er hieß auch damals NICHT, dass alle die da kommen, ihr Studium auch abschließen sollen! Sitzplätze auf den Stufen des Hörsaals und Stehplätze vor der Tür des Hörsaals gab es auch in den 80er-Jahren. Knock-out-Prüfungen, mit denen überlaufene Institute zu sieben versuchten, gab es auch. Dass manche Lehrende froh waren, wenn einige der Studienwilligen spätestens nach den Weihnachtsferien nicht mehr kommen, war ebenso spürbar wie heute. Ein Studium inskribieren hieß noch lange nicht, es abzuschließen. Und wenn überhaupt, dann konnte der Abschluss fast beliebig lang dauern. Da es bei weitem kein ausreichendes Stipendiensystem gab, musste der Abschluss neben Berufstätigkeit oft auch lang dauern. Das österreichische Modell des Langzeitstudiums (sei es aufgrund ökonomischer Zwänge oder aufgrund eigenen Leichtsinns) ist ein Phänomen dass in vielen anderen Ländern nicht verstanden wird. Wie kann man 10 Jahre für einen Magister studieren? In Wien kein Problem. Mittlerweile erkannte die österreichische Politik ein Problem darin und versucht Maßnahmen - kurzsichtige, unüberlegte Hüftschüsse von sinnleeren Fristen, mehr kontraproduktiv als hilfreich. So geht’s auch nicht.

Durften im vermeintlichen Paradies des freien Hochschulzuganges der SPÖ-Ära wirklich alle inskribieren? Na, Matura war schon Voraussetzung (Studienberechtigungsprüfung von HauptschulabsolventInnen natürlich selten). Das Schulsystem sorgte schon dafür, dass nicht zu viele dorthin kamen.

Und die Qualität? Waren denn hiesige Unis in den 70er, 80er-Jahren so gute Unis? Erreichten sie international ernstzunehmende Standards? Nein. Nur hat das damals nicht gestört. Solange Österreich sich in einer stillen Falte des Eisernen Vorhangs verbarg, ausgestattet mit schöner Landschaft sowie einer Legende, dass Beethoven ein Österreicher und Österreich nur das erste Opfer Nazi-Deutschlands gewesen sei, solange war auch kein Bedarf an internationalen Standards auf hiesigen Unis. Schließlich konnten sie sich in Stille und rot-schwarzer Farbaufteilung selbst reproduzieren. Wenn man denn ein Studium abschloss (und nicht danach einen Job in einem Ministerium einnahm), begann man an der gleichen Uni zu unterrichten, publizierte in deutscher Sprache, habilitierte sich am selben Ort - und gab dasselbe an die nächste Runde weiter. Erinnern wir uns nicht mehr an die Klagen über Professoren, die nach ihrer Habil nichts mehr publizierten? Manche von ihnen waren vor wenigen Jahren noch aktiv. Gewiss gab es beeindruckende Ausnahmen, aber das allgemeine System genügte sich selbst. Die rote Errungenschaft bestand einzig darin, dass solche Arbeiterkinder, welche es zur Matura gebracht hatten, an jenem System auch ein Stück des Kuchens erwerben konnten.

Nein, ich will nicht zurück zu den gepriesenen frei zugänglichen Unis der sozialistischen / sozialdemokratischen Ära! Es wäre auch gar nicht möglich. Denn die Falte des Eisernen Vorhangs, die Österreich vor der großen weiten Welt da draußen beschützt hat, existiert nicht mehr. Schon seit einer Weile reiben sich unsanft erwachte Unis die Augen ob des grellen Lichts das da hereinscheint und ungewohnte Qualitätsansprüche stellt! Manche können damit noch nicht umgehen. Vereinzelt leisten tapfere Lehrende stille Heldentaten indem sie trotz sehr schlechter Bedingungen sehr guten Unterricht zustandebringen. Sie sind nicht in der Mehrheit.

Unsere Unis sind in mehrfacher Hinsicht in prekärer Lage. Kein Geld, und gleichzeitig sollen sie lernen, an Standards aufzuschließen, die ihnen früher niemand zugemutet hat! - Es geht bei weitem nicht nur um Studiengebühren. Der Geldmangel im Bildungssektor und die Verteilungskonflikte um die Kosten sind ein internationales Phänomen. Das spezifisch österreichische ist, dass hier gleichzeitig ungewohnte neue Standards wissenschaflticher Arbeit erkannt und umgesetzt werden sollten.

Lesen lernen

In der Österreich-Ausgabe der ZEIT (leider nicht auf ZEIT online) ist heute ein interessanter und zugleich bedrückender Artikel über modernen Analphabetismus. Das Thema - keineswegs ein rein österreichisches Phänomen - ist nicht neu. Es taucht ziemlich regelmäßig einmal jährlich auf, denn da gibt es so einen “Welttag der Alphabetisiertung” - der so viel nützt, wie “Welttage” dieser Art nützen. Immerhin ermöglichen sie den einen oder anderen Zeitungsartikel. Besonders schwierig ist das Problem durch die hohe Dunkelziffer. Betroffene schämen sich in einer Gesellschaft, in der es einfach nicht vorgesehen ist, dass jemand nicht (ausreichend) lesen kann.

Liest man Beiträge wie jenen in der heutigen ZEIT, dann mag man den Eindruck bekommen, es sei vielleicht primär eine ältere Generation betroffen: Diejenigen, die weiland noch von der Hauptschule in die Sonderschule geschickt wurden, ohne dass jemand näher auf die Ursache ihrer Probleme eingegangen wäre. In der Zwischenzeit hat sich im Schulbetrieb vieles verändert und Kinder mit Lernschwächen haben doch etwas größere Chancen, richtig betreut zu werden, als noch vor 20-30 Jahren. Wissen tun wir es bei so immenser Dunkelziffer natürlich nicht, - immerhin ist es ja üblich, dass Leute mit groben Lerndefiziten auch Strategien entwickeln, das Problem vor sich selbst und ihrer Umgebung zu vertuschen. Bis ein einschneidendes Erlebnis (oder doch richtige Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit!) dazu führt, dass Betroffene Rat suchen, kann es dauern.

Aber selbst wenn (wenn!) ich mich der Hoffnung hingebe, dass unter den SchulabgängerInnen der letzten Jahre die Quote der “funktionalen Analphabeten” geringer sein könnte, ist da jedenfalls noch etwas: Die Sache, die in den diversen Studien unter “sinnerfassend Lesen” subsumiert ist. Ich kenne sie aus eigenem Erleben aus somancher Unterrichtsstunde: Junge Leute, die irgendeine Pflichtschule mit ach-und-krach absolviert haben, mit Glück und Unterstützung vielleicht sogar eine Lehre schaffen - und die sehr wohl auf den ersten Blick überzeugend lesen können, soweit lesen, dass sie eine facebook-Seite öffnen können und in diese facebook-Seite munter allerlei hineintippen. Aber wenn sie einen Text vom Schwierigkeitsgrad eines Lexikonartikels vorgelegt bekommen, oder ein unübersichtlich gestaltetes Formular ausfüllen sollen, dann sind sie überfordert.

Geschätzte 300.000 oder auch mehr “funktionale Analphabeten” in Österreich. Dazu diejenigen, die munter lesen, aber deren Lese-Horizont nicht über die U-Bahn-Zeitung hinausreicht.

Bei mir zählen Bücher zu den Grundnahrungsmitteln, und so bereiten mir solche Situationen einen großen tiefen Schmerz. Welch einen grauenhaften Verlust erleiden Menschen in ihrem Leben, wenn ihnen ein gutes Buch verwehrt bleibt! Wir reden hier nicht von freier Entscheidung, etwas auch einmal nicht lesen zu wollen - sondern davon, dass die Wahl der Lektüre durch eine Barriere eingeschränkt wird, die Betroffene ohne Hilfe nicht so einfach überwinden könnten. Wie gelingt es, dass Österreich (oder: Europa?) lesen lernt?

Vom Übersetzen jüdischer heiliger Texte

Ein erfreulich gutes Buch will ich heute vorstellen: “Translating Religion” verfasst von Benjamin H. Hary, erschienen bei Brill - um den leider weniger erfreulichen Preis von Euro 130.,- (Ich hatte dank einer Vorinformation aus einem Fach-Newsletter gerade noch Gelegenheit, es zum verbilligten Subskriptionspreis zu ergattern, und konnte somit ein Exemplar für die Bibliothek der WGJS zu einem zumutbaren Preis anschaffen.)

Das Buch trägt den Untertitel “Linguistic Analysis of Judeo-Arabic Sacred Texts from Egypt”, und handelt also primär von arabischen jüdischen Übersetzungen aus dem ägyptischen Raum. Bevor der Autor jedoch zur genaueren Analyse der arabischen Texte vordringt, beschreibt er in den ersten beiden Kapiteln das Spektrum der jüdischen Sprachvarietäten und ihrer Übersetzungskulturen, um den Platz des Judeo-Arabischen innerhalb dieses Spektrums auszuloten. - Und hier ist nun der Teil des Buches, den ich für den besonders erfreulichen halte. Denn während mir an zahlreichen Publitkationen über jüdische Bibelübersetzungen (sowie Texten wie Torah, Haggadot, Pirke Avot, Siddur etc.) immer wieder aufstieß, dass die Analysen zu eng an der jeweils untersuchten Sprache und Epoche klebten, wurde hier von Hary ein sehr weites Spektrum der jüdischen Übersetzungskultur heiliger Texte mit ins Bild geholt. - Ein Vorgang den ich für essentiell halte, um auch die Position des jeweiligen spezifischen Untersuchungsgegenstandes dann besser verstehen zu können!

Dies macht die ersten Kapitel des Buches auch interessant für LeserInnen, die sich nicht spezifisch für arabische Texte sondern für Fragen jüdischer Übersetzungskultur religiöser Texte generell interessieren. Sehr erfrischend ist der differenzierte Umgang des Autors mit dem Begriff “jüdischer Sprachen” - nicht immer ist eine Varietät gleich als “Sprache” einzuordnen - hier gibt Harys Darstellung einen fortgeschrittenen Diskurs über das Spektrum der jüdischen Varietäten wieder, der sich m.E. erfreulich von älteren Publikationen abhebt (wo manchmal jeder jüdische Fachausdruck gleich zum Beleg für eine angebliche “jüdische Sprache” erhoben wurde). Auch dem dritten Kapitel, welches nun spezifischer zum Wesen der judeo-arabischen Übersetzungen fortschreitet, lässt sich noch ohne Arabisch-Kenntnisse folgen, wodurch es einen wertvollen Beitrag leisten kann für LeserInnen, die sich mit einer anderen jüdischen Sprachvarietät beschäftigen, und ihren Horizont um einen Einblick in das arabische Feld erweitern wollen.

Erst ab den folgenden Kapiteln wird das Buch wohl nur mehr für hartgesottene SprachwissenschaftlerInnen, die über Arabisch-Kenntnisse verfügen, zum echten Lesegenuss.

Zugegebenerweise ist der stolze Preis, den der Brill-Verlag für das qualitätvolle Werk nimmt, nicht angemessen für solche LeserInnen, die nur die ersten drei Kapitel daraus lesen wollen. Aber für den Fall, dass es in der Universitätsbibliothek nicht auftachen sollte: Wir haben es in der Bibliothek der Wiener Gesellschaft für Jüdische Studien!

Wenn ich nun so über den Preis geklagt habe, sei zur Ehre des Verlags noch angemerkt, dass die technische Ausführung des Druckes exzellent ist. Schon allein die Tatsache, dass die Publikation in drei Schriften mit einem Heer an Sonderzeichen (zur Darstellung arabischer Begriffe in lateinischer Umschrift sowie zur Darstellung von Arabisch in Hebräischer Schrift…) daherkommt, ist für die Editionsarbeit eine Herausforderung, vor der wir Respekt haben wollen. Trotz allen Verständnisses dafür, hoffe ich sehr, dass es beim angekündigten zweiten Band (der Textbeispiele bringen soll), wieder die Gelegenheit eines Subskriptionspreises geben wird!

Petition gegen den CERN-Ausstieg

unterschreiben auf:

http://sos.teilchen.at/petition/

Es sind nach eineinhalb Tagen schon über 11.000 Unterschriften. Alle Achtung! Weiter so!

Wissenschaft aus in Österreich?

Ich hätte vorgehabt, heute etwas über den EU-Wahlkampf zu schreiben. Besser gesagt über die Abwesenheit jeglicher substantieller politischer Botschaft unter sämtlichen WahlwerberInnen, die da antreten. Doch dann ging ich mal Zeitunglesen - und stellte fest, mein Entsetzen über die EU-Wahllisten kann noch übertroffen werden. Nämlich vom Entsetzen über österreichische Wissenschaftspolitik.

Die Bundesregierung - konkreter das Ministerium von Minister Hahn - hat beschlossen, kein Geld mehr für eine Mitgliedschaft bei CERN zu haben. Nein, ich versteh nichts von Physik, so richtig gar nix. Aber dass physikalische Grundlagenforschung wichtig ist, und Österreich froh sein muss, bei so einem Top-Projekt dabei sein zu können, das hab auch ich kapiert.

Wie kann man nur? Es heißt: kein Geld. Und anscheinend ist das tatsächlich der einfache echte Grund. Nicht etwa Überlegungen, ob Großprojekte dieser Art unzeitgemäß sein könnten (wie es ein Artikel in der heutigen Presse meines Erachtens völlig unüberzeugend suggeriert), auch nicht konkrete Gedanken, dass genau dieses Geld in konkret anstehende andere Forschungsprojekte fließen solle (die irgenwie vielversprechender wären?). Nein, einfach ein Budgetloch, und nicht einmal ein gar so großes. Das wahnwitzige Argument, es handle sich um 70% dessen, was für internationale Forschungskooperation vorgesehen sei, ist ja nur Ausdruck dessen, dass in diesem Land eben nebbich wenig für internationale Forschungszusammenarbeit ausgegeben wird! Es ist so schon schlimm genug, nun soll es noch schlimmer kommen.

Dabei ist nicht zu vergessen, dass das nur die Spitze eines Eisberges ist.  Dieser Ausstieg aus einem Ort der Spitzenforschung ist nur das oberste Symptom eines kranken Bildungs- und Wissenschaftssystems. Ein krankes Schulsystem, eine unzureichende LeherInnenausbildung, kranke geradezu kaputte Universitäten, keine Konzepte für wissenschaftlichen Nachwuchs, fehlende Forschungsförderung in allen Bereichen. - Ja, das alles zu beheben kostet Geld. Alles zusammen sogar viel Geld - es ist aber nicht nur eine Frage des Geldes, sondern allzu oft auch der politischen Einstellung. Denn gewiss ist eines: Bei Bildung und Wissenschaft zu sparen, kommt längerfristig noch viel teurer!

Eine Finanzkrise lässt sich mit guter Politik unter Kontrolle bringen. Wenn sich zur Finanzkrise aber auch die Bildungskrise gesellen wird, dann wird es wirklich gefährlich!

Eindrücke vom Beginn des Uni-Semesters

Die Aufregung um Arbeitszeit der LehrerInnen, hat nicht nur die Debatte um den Zustand von Österreichs Schulen in eine falsche Richtung gelenkt, sie hat auch ein anderes - nicht weniger akutes - Problem in den Hintergrund treten lassen: Den Zustand österreichischer Universitäten. An der Politikwissenschaft der Uni Wien ist das Fass der Unzumutbarkeiten zu Beginn dieses Semesters immerhin soweit übergelaufen, dass eine öffentliche Diskussion mitsamt etwas Medienecho (Standard, Presse) losgetreten wurde. Hunderte Leute, die in eine für 30 Personen ausgerichtete Lehrveranstaltung drängen sind nur die Spitze des Eisberges. Die Universität ächzt und knarrt in allen Fugen, knapp am Zusammenbruch vorbei wurschtelt sie sich notdürftig durch den Betrieb. Wie kann unter solchen Bedingungen Qualität geschaffen werden? Ich wundere mich immer mehr über jene Lehrveranstaltungen, die trotz all der Umstände immer noch summa summarum GUTE Lehrveranstaltungen sind. Sie sind nicht zahlreich, aber es gibt sie.

Doch auch dort, wo fähige und eifrige Lehrende unermüdlich trotz der Wirren eines kaputten Betriebes, ihren StudentInnen noch so etwas wie wissenschaftliche Qualifikation vermitteln, gibt es Grund zum Staunen. - Daher will ich ein paar Eindrücke aus einem Seminar erzählen, das eindeutig zu den guten Ausnahmen zählt:

Bei der Anmeldung zum SE stimmten zwei Dinge positiv: Der Professor einer jener, bei denen man tatsächlich was lernt, und zweitens handelte es sich um einen Kurs, der nur für den neuen Master-Studiengang (plus DissertantInnen) und nicht für das alte Diplomstudium offen war. Da nicht so viele ins neue System umgestiegen sind, sollte dies weniger Überfüllung heißen!  Bei Seminarbeginn waren dann doch gut 50 Leute da, weil wie immer auch solche, die sich nur auf der Warteliste wiederfanden, hineinwollten. Ich mache den ProfessorInnen keinen Vorwurf, dass sie stets auch die noch aufnehmen - täten sie es nicht, wäre der Betrieb längst zusammengebrochen. Klar ist aber auch, dass so kein Seminar zu halten ist. Dass ich sogar im Dissertationsstudium (!) noch um Plätze in Seminaren ringen muss, lässt sich nicht damit wegerklären, dass vielleicht zu viele AnfängerInnen mit falschen Vorstellungen in ein Studium strömen…

In einem Punkt hat der Professor eine Chance gegen die Überfüllung: Es wird ein Lektüreseminar, und die vorgeschriebenen Texte lesen kann jede/r selbst auch bei einer Gruppengröße von 50. Und weil wir es mit einem Prof. zu tun haben, bei dem tatsächlich was gelernt werden soll, besteht die Lehrveranstaltung denn auch in erster Linie darin, dass die zu lesenden Texte zusammengefasst, analysiert, verglichen werden sollen. Entsprechender Nachweis jede Woche schriftlich abzugeben. Soweit so gut und didaktisch sehr löblich. Aber Moment mal! In welchem Studienabschnitt sind wir da? Meine bescheidene Meinung ist, dass so eine Lehrveranstaltung in das Bacherlorstudium gehört. In etwa im letzten Jahr eines Baccherlorstudiums sollte anstehen, dass die Studierenden lernen, wissenschaftliche Texte soweit erfassen zu können, dass sie zu Analysen, Vergleichen, einer Einschätzung der Argumentation des Autors/ der Autorin fähig sind. Was sonst sollte denn ein BA nachweisen, wenn nicht, dass man sein/ihr eigenes Fach soweit begriffen hat? Tut es aber nicht. Wir sind hier in einer Veranstaltung, die sich an Master-Studierende wendet und auch noch für DissertantInnen offen ist! Das Peinliche ist: Der Professor hat recht. Es ist ja nicht so, dass die Leute in ihrem bisherigen Studienabschnitt das, was er hier vermitteln will, ausreichend gelernt hätten. Was aber heißt das für ein Studium in Österreich, wenn Fähigkeiten, die jemand mit BA haben sollte, erst im MA-Studium geübt werden, ja auch von Dissertierenden noch geübt werden (müssen)? Was haben die Leute bis dahin (in Seminaren mit 50 TeilnehmerInnen) gelernt, wenn sie jetzt erst damit anfangen? Sich ein bisschen auswendig aufsagbares “Fachwissen” angeeignet, ohne zu verstehen? Wenn überhaupt?

Von so Kleinigkeiten, dass Bücher, die auf der Leseliste stehen, im einen oder anderen Fall in der Bilbiothek der Uni Wien nicht vorhanden sind, darf man sich selbstverständlich schon gar  nicht abschrecken lassen.

Was soll aus solchen Unis werden?

Schule - oj wej?

Es ist wieder mal eine Zeit, wo meinereiner ungern zugibt, “Lehrerin” zu sein. Verfolgt man diverse Kommentare so muss das schrecklicher Berufsstand sein: halbtags arbeitende Faulenzer, lauter Ferien - und dann auch noch jammern, wenn sie ein bissi mehr echten ordentlichen Unterricht halten sollen!

Tatsächlich weiß ich nicht, wer mich momentan mehr mit Kummer erfüllt. Die überforderte Frau Bildungsministerin oder eine versteinerte Gewerkschaft, die allenfalls sich selbst vertritt. Die Diskussion geht an den wahren Problemen vorbei. - Und es mangelt nicht an akuten Problemen: Oftmals baufällige und zu kleine Schulgebäude, Fälle von Agression und Gewalt in Schulen, SchülerInnen, die nicht ausreichend sinnerfassend lesen können (das aber gleich in mehreren Sprachen) … Dem gegenüber steht die Wunschliste, was zu einem erfolgversprechenden Bildungssystem so alles gehören würde: Gute Arbeitsbedingungen für qualifizierte Lehrkräfte, freundliche Schulgebäude für den heute meist geforderten Ganztagsbetrieb, größere Freiheiten für die Schulen, ihre Arbeitsweise selbst so zu gestalten, wie es den Bedürfnissen des Standortes entspricht. Raum für ausreichende Förderung bei Schwächen ebenso wie bei besonderen Begabungen, rechtzeitige Sprachförderung für eine echte kompetente Mehrsprachigkeit… und vieles mehr. Die Diskrepanz zwischen “soll” und “ist” fällt schauerlich aus. Denn das österreichische Bildungssystem leidet schon jahrzehntelang unter gegenseitiger Blockade rot-gegen-schwarz, leidet unter einem Schönreden (insbesondere von sozialdemokratischer Seite) aller bestehender Probleme, litt schon vor der Wirtschaftskrise unter Geldmangel, ist eine lange Liste versäumter Gelegenheiten. Es ist nicht abzusehen, dass der derzeitige Machtkampf zwischen Bildungsministerin und Gewerkschaft irgendeine Lösung der verkrampften Verhältnisse bringt.

Dabei hätten wir es so dringend, so enorm und unaufschiebbar dringend notwendig! Das Schlimmste was eine Gesellschaft zu ihrer eigenen Zerstörung beitragen kann, ist die nächste heranwachsende Generation einem untauglichen Erziehungssystem zu überlassen.

Wer österreichische Verhältnisse kennt, mag Anlass zur Skepsis hegen. Trotzdem. Wir haben gar keine andere Chance, als endlich aus der rot-schwarzen Lähmung auszubrechen und ein Schulsystem zu entwickeln in dem zum Lernen und zum Lehren die passenden “Arbeits”bedingungen bestehen.

+ Schulen, die für die vielen Erziehungsaufgaben, die ihnen heute nun mal übertragen werden, sowohl fachlich als auch finanziell gerüstet sind.

+ Mehr statt weniger Unterrichtseinheiten, um auch jene Fächer, welche soziale Kompetenzen, politische Bildung und interkulturelles Lernen fördern, ausreichend abdecken zu können.

+ Eine entschlackte Ferienordnung, die weniger Ferienzeiten verpflichtend vorschreibt, aber den Schulen auch Spielraum für eigenes Gestalten lässt.

+ Größere Freiheiten für die Entwicklung verschiedener Schultypen, um Eltern tatsächlich Wahlmöglichkeit zu geben. Daraus resultierender Wettbewerb zwischen Schulen könnte dem Niveau nur gut tun.

+ Nicht zuletzt eine verbesserte Ausbildung (und Weiterbildung) für LehrerInnen.

Dann bin ich aufgewacht? - Nein, ich meine es ernst!

von Religions- und Ethikunterricht

(übersiedelt aus meinem alten Blog, ursprünglich vom 5.2.09 / 11. Schwat 5769)
Weg mit dem Religionsunterricht - Her mit dem Ethikunterricht?
Eine wissenschaftlich umstrittene aber dafür umso lauter bekanntgemachte Studie über islamischen Religionsunterricht sorgt für Aufregung. Politik sieht - etwas plötzlich - “Handlungsbedarf”, und Kommentare rufen nach dem längst vergessen geglaubten “Ethikunterricht”.
Als gelernte Österreicherin bin ich mir zwar sicher, dass das Konkordat hierzulande nach wie vor fest im Sattel sitzt, aber das schließt Rufe nach Veränderung nicht aus.
Daher ein paar Anmerkungen:
Das spezifische österreichische System mag eine Privilegierung der “anerkannten Religionsgemeinschaften” darstellen, aber das ist natürlich noch keine Garantie für guten Religionsunterricht. Deshalb bin ich - entgegen verbreiteter Vorstellungen, dass ReligionslehrerInnen per se darüber glücklich sein müssten, dass der Staat doch für sie sorgt - kein grundsätzlicher Fan des Konkordats. Wer aber nach Veränderung des etablierten Systems ruft, hat zweierlei zu bedenken:
Erstens: Das bestehende System ist geeignet die Kleineren vor der Übermacht der Großen zu schützen. Ein Wegfall der staatlichen (Teil-)förderungen von Religionsunterricht würde gerade die kleinen Minderheiten vor die größeren Finanzierungsprobleme stellen, und die Frage nach einem Ausgleich auf andere Art aufwerfen.
Zweitens: Der von Seiten des Staates ermöglichte Religionsunterricht hat auch den Effekt, dass der Religionsunterricht an der Leine des Staates gehalten werden kann. - Ein Aspekt, der erstaunlich oft in den Debatten übersehen wird. Ein System wie das Konkordat ist ja nicht nur dazu da, den Relgionsgemeinschaften zu geben, sondern erst recht, sie zu kontrollieren! Will der Staat wissen, was im Religionsunterricht geschieht, so tut er gut daran, ihn bei sich zu behalten. In Zeiten wie diesen gehört es zur Verantwortung der Politik, sich dafür zu interessieren, wie die diversen religiösen (und auch ideologischen) Richtungen im eigenen Land miteinander auskommen, und dieses miteinander-Auskommen gegebenenfalls auch zu moderieren.
Hier stoßen wir auf sehr heikle Fragen: Bis wohin reicht die Freiheit der Religionsgemeinschaften? Wo ist eine Grenze, ab der der Staat Vorgaben machen darf? Ab wo wäre es Zensur oder gar ein Angriff auf die Gewissensfreiheit, wenn sich der Staat zu gut für die Religionen interessiert?
Und der “Ethikunterricht”?
Auf Basis meiner Erfahrungen und bezugnehmend auf häufige Fragen bei interreligiösen Dialogveranstaltungen ist mir ein Punkt sehr wichtig: Das Kennenlernen der “Anderen” kann nicht sinnvoll und erfolgreich im eigenen Religionsunterricht abgedeckt werden (wiewohl es heute in Österreich Standard ist, dieses zu erwarten und auch zu versuchen). Bei allem gutem Willen - an dem ich keinen Zweifel habe - ist nicht damit zu rechnen, dass etwa ein christlicher Religionsunterricht Judentum so erklärt, dass ich mich als Jüdin in dieser Erklärung wieder finden würde, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ChristInnen begeistert zustimmen, wenn ich ihre Lehre aus meiner Sicht in “meiner” Unterrichtsstunde erkläre. Das Kennenlernen der Anderen muss auf möglichst neutralem Boden geschehen und im kritischen DIALOG mit den Anderen. Vielleicht nicht erst unter den heutigen Bedingungen der globalisierten Welt, aber heute sicher mehr denn je, ist ein solches Kennenlernen dringend notwendig.
Kann der “Ethikunterricht” das leisten? Wenn überhaupt, dann nicht in Form einer wahlweisen Alternative anstelle von Religionsunterricht, sondern nur als ein zusätzliches Fach, das alle benötigen. Aber ich gestehe, ich habe Zweifel daran, was das mysteriöse Fach “Ethikunterricht” leistet. Schon allein der Titel: Das Kennenlernen verschiedener religiöser und ideologischer Ströme und “-ismen” ist nicht “Ethik”, sondern eine Art von Kulturenkunde. Vielleicht ist das Etikett ja nicht so wichtig, aber wir würden ja auch nicht den Deutschunterricht “Sprachwissenschaft” nennen. Was im - nur selten durchgeführten - Schulversuch Ethikunterricht eigentlich geschieht und was er leistet ist weitgehend unbekannt. Wie dieser Tage in den Zeitungen zu lesen war, erfuhr eine Studie, welche den Ethikunterricht evaluierte, jenes Schicksal, das Studien in der österreichischen Politik generell erfahren: Sie wurde bei der zuständigen Ministerin abgegeben und dann nie mehr wieder darüber gesprochen.
Daher meine Bitte: Bevor jemand über “Ethikunterricht ja oder nein” diskutiert, überlegen wir einmal, was dieses geheimnisvolle Fach überhaupt sein soll (und wie wir es dann sinnvollerweise nennen wollen).