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Wissenschaft aus in Österreich?

Ich hätte vorgehabt, heute etwas über den EU-Wahlkampf zu schreiben. Besser gesagt über die Abwesenheit jeglicher substantieller politischer Botschaft unter sämtlichen WahlwerberInnen, die da antreten. Doch dann ging ich mal Zeitunglesen - und stellte fest, mein Entsetzen über die EU-Wahllisten kann noch übertroffen werden. Nämlich vom Entsetzen über österreichische Wissenschaftspolitik.

Die Bundesregierung - konkreter das Ministerium von Minister Hahn - hat beschlossen, kein Geld mehr für eine Mitgliedschaft bei CERN zu haben. Nein, ich versteh nichts von Physik, so richtig gar nix. Aber dass physikalische Grundlagenforschung wichtig ist, und Österreich froh sein muss, bei so einem Top-Projekt dabei sein zu können, das hab auch ich kapiert.

Wie kann man nur? Es heißt: kein Geld. Und anscheinend ist das tatsächlich der einfache echte Grund. Nicht etwa Überlegungen, ob Großprojekte dieser Art unzeitgemäß sein könnten (wie es ein Artikel in der heutigen Presse meines Erachtens völlig unüberzeugend suggeriert), auch nicht konkrete Gedanken, dass genau dieses Geld in konkret anstehende andere Forschungsprojekte fließen solle (die irgenwie vielversprechender wären?). Nein, einfach ein Budgetloch, und nicht einmal ein gar so großes. Das wahnwitzige Argument, es handle sich um 70% dessen, was für internationale Forschungskooperation vorgesehen sei, ist ja nur Ausdruck dessen, dass in diesem Land eben nebbich wenig für internationale Forschungszusammenarbeit ausgegeben wird! Es ist so schon schlimm genug, nun soll es noch schlimmer kommen.

Dabei ist nicht zu vergessen, dass das nur die Spitze eines Eisberges ist.  Dieser Ausstieg aus einem Ort der Spitzenforschung ist nur das oberste Symptom eines kranken Bildungs- und Wissenschaftssystems. Ein krankes Schulsystem, eine unzureichende LeherInnenausbildung, kranke geradezu kaputte Universitäten, keine Konzepte für wissenschaftlichen Nachwuchs, fehlende Forschungsförderung in allen Bereichen. - Ja, das alles zu beheben kostet Geld. Alles zusammen sogar viel Geld - es ist aber nicht nur eine Frage des Geldes, sondern allzu oft auch der politischen Einstellung. Denn gewiss ist eines: Bei Bildung und Wissenschaft zu sparen, kommt längerfristig noch viel teurer!

Eine Finanzkrise lässt sich mit guter Politik unter Kontrolle bringen. Wenn sich zur Finanzkrise aber auch die Bildungskrise gesellen wird, dann wird es wirklich gefährlich!

Eindrücke vom Beginn des Uni-Semesters

Die Aufregung um Arbeitszeit der LehrerInnen, hat nicht nur die Debatte um den Zustand von Österreichs Schulen in eine falsche Richtung gelenkt, sie hat auch ein anderes - nicht weniger akutes - Problem in den Hintergrund treten lassen: Den Zustand österreichischer Universitäten. An der Politikwissenschaft der Uni Wien ist das Fass der Unzumutbarkeiten zu Beginn dieses Semesters immerhin soweit übergelaufen, dass eine öffentliche Diskussion mitsamt etwas Medienecho (Standard, Presse) losgetreten wurde. Hunderte Leute, die in eine für 30 Personen ausgerichtete Lehrveranstaltung drängen sind nur die Spitze des Eisberges. Die Universität ächzt und knarrt in allen Fugen, knapp am Zusammenbruch vorbei wurschtelt sie sich notdürftig durch den Betrieb. Wie kann unter solchen Bedingungen Qualität geschaffen werden? Ich wundere mich immer mehr über jene Lehrveranstaltungen, die trotz all der Umstände immer noch summa summarum GUTE Lehrveranstaltungen sind. Sie sind nicht zahlreich, aber es gibt sie.

Doch auch dort, wo fähige und eifrige Lehrende unermüdlich trotz der Wirren eines kaputten Betriebes, ihren StudentInnen noch so etwas wie wissenschaftliche Qualifikation vermitteln, gibt es Grund zum Staunen. - Daher will ich ein paar Eindrücke aus einem Seminar erzählen, das eindeutig zu den guten Ausnahmen zählt:

Bei der Anmeldung zum SE stimmten zwei Dinge positiv: Der Professor einer jener, bei denen man tatsächlich was lernt, und zweitens handelte es sich um einen Kurs, der nur für den neuen Master-Studiengang (plus DissertantInnen) und nicht für das alte Diplomstudium offen war. Da nicht so viele ins neue System umgestiegen sind, sollte dies weniger Überfüllung heißen!  Bei Seminarbeginn waren dann doch gut 50 Leute da, weil wie immer auch solche, die sich nur auf der Warteliste wiederfanden, hineinwollten. Ich mache den ProfessorInnen keinen Vorwurf, dass sie stets auch die noch aufnehmen - täten sie es nicht, wäre der Betrieb längst zusammengebrochen. Klar ist aber auch, dass so kein Seminar zu halten ist. Dass ich sogar im Dissertationsstudium (!) noch um Plätze in Seminaren ringen muss, lässt sich nicht damit wegerklären, dass vielleicht zu viele AnfängerInnen mit falschen Vorstellungen in ein Studium strömen…

In einem Punkt hat der Professor eine Chance gegen die Überfüllung: Es wird ein Lektüreseminar, und die vorgeschriebenen Texte lesen kann jede/r selbst auch bei einer Gruppengröße von 50. Und weil wir es mit einem Prof. zu tun haben, bei dem tatsächlich was gelernt werden soll, besteht die Lehrveranstaltung denn auch in erster Linie darin, dass die zu lesenden Texte zusammengefasst, analysiert, verglichen werden sollen. Entsprechender Nachweis jede Woche schriftlich abzugeben. Soweit so gut und didaktisch sehr löblich. Aber Moment mal! In welchem Studienabschnitt sind wir da? Meine bescheidene Meinung ist, dass so eine Lehrveranstaltung in das Bacherlorstudium gehört. In etwa im letzten Jahr eines Baccherlorstudiums sollte anstehen, dass die Studierenden lernen, wissenschaftliche Texte soweit erfassen zu können, dass sie zu Analysen, Vergleichen, einer Einschätzung der Argumentation des Autors/ der Autorin fähig sind. Was sonst sollte denn ein BA nachweisen, wenn nicht, dass man sein/ihr eigenes Fach soweit begriffen hat? Tut es aber nicht. Wir sind hier in einer Veranstaltung, die sich an Master-Studierende wendet und auch noch für DissertantInnen offen ist! Das Peinliche ist: Der Professor hat recht. Es ist ja nicht so, dass die Leute in ihrem bisherigen Studienabschnitt das, was er hier vermitteln will, ausreichend gelernt hätten. Was aber heißt das für ein Studium in Österreich, wenn Fähigkeiten, die jemand mit BA haben sollte, erst im MA-Studium geübt werden, ja auch von Dissertierenden noch geübt werden (müssen)? Was haben die Leute bis dahin (in Seminaren mit 50 TeilnehmerInnen) gelernt, wenn sie jetzt erst damit anfangen? Sich ein bisschen auswendig aufsagbares “Fachwissen” angeeignet, ohne zu verstehen? Wenn überhaupt?

Von so Kleinigkeiten, dass Bücher, die auf der Leseliste stehen, im einen oder anderen Fall in der Bilbiothek der Uni Wien nicht vorhanden sind, darf man sich selbstverständlich schon gar  nicht abschrecken lassen.

Was soll aus solchen Unis werden?

Schule - oj wej?

Es ist wieder mal eine Zeit, wo meinereiner ungern zugibt, “Lehrerin” zu sein. Verfolgt man diverse Kommentare so muss das schrecklicher Berufsstand sein: halbtags arbeitende Faulenzer, lauter Ferien - und dann auch noch jammern, wenn sie ein bissi mehr echten ordentlichen Unterricht halten sollen!

Tatsächlich weiß ich nicht, wer mich momentan mehr mit Kummer erfüllt. Die überforderte Frau Bildungsministerin oder eine versteinerte Gewerkschaft, die allenfalls sich selbst vertritt. Die Diskussion geht an den wahren Problemen vorbei. - Und es mangelt nicht an akuten Problemen: Oftmals baufällige und zu kleine Schulgebäude, Fälle von Agression und Gewalt in Schulen, SchülerInnen, die nicht ausreichend sinnerfassend lesen können (das aber gleich in mehreren Sprachen) … Dem gegenüber steht die Wunschliste, was zu einem erfolgversprechenden Bildungssystem so alles gehören würde: Gute Arbeitsbedingungen für qualifizierte Lehrkräfte, freundliche Schulgebäude für den heute meist geforderten Ganztagsbetrieb, größere Freiheiten für die Schulen, ihre Arbeitsweise selbst so zu gestalten, wie es den Bedürfnissen des Standortes entspricht. Raum für ausreichende Förderung bei Schwächen ebenso wie bei besonderen Begabungen, rechtzeitige Sprachförderung für eine echte kompetente Mehrsprachigkeit… und vieles mehr. Die Diskrepanz zwischen “soll” und “ist” fällt schauerlich aus. Denn das österreichische Bildungssystem leidet schon jahrzehntelang unter gegenseitiger Blockade rot-gegen-schwarz, leidet unter einem Schönreden (insbesondere von sozialdemokratischer Seite) aller bestehender Probleme, litt schon vor der Wirtschaftskrise unter Geldmangel, ist eine lange Liste versäumter Gelegenheiten. Es ist nicht abzusehen, dass der derzeitige Machtkampf zwischen Bildungsministerin und Gewerkschaft irgendeine Lösung der verkrampften Verhältnisse bringt.

Dabei hätten wir es so dringend, so enorm und unaufschiebbar dringend notwendig! Das Schlimmste was eine Gesellschaft zu ihrer eigenen Zerstörung beitragen kann, ist die nächste heranwachsende Generation einem untauglichen Erziehungssystem zu überlassen.

Wer österreichische Verhältnisse kennt, mag Anlass zur Skepsis hegen. Trotzdem. Wir haben gar keine andere Chance, als endlich aus der rot-schwarzen Lähmung auszubrechen und ein Schulsystem zu entwickeln in dem zum Lernen und zum Lehren die passenden “Arbeits”bedingungen bestehen.

+ Schulen, die für die vielen Erziehungsaufgaben, die ihnen heute nun mal übertragen werden, sowohl fachlich als auch finanziell gerüstet sind.

+ Mehr statt weniger Unterrichtseinheiten, um auch jene Fächer, welche soziale Kompetenzen, politische Bildung und interkulturelles Lernen fördern, ausreichend abdecken zu können.

+ Eine entschlackte Ferienordnung, die weniger Ferienzeiten verpflichtend vorschreibt, aber den Schulen auch Spielraum für eigenes Gestalten lässt.

+ Größere Freiheiten für die Entwicklung verschiedener Schultypen, um Eltern tatsächlich Wahlmöglichkeit zu geben. Daraus resultierender Wettbewerb zwischen Schulen könnte dem Niveau nur gut tun.

+ Nicht zuletzt eine verbesserte Ausbildung (und Weiterbildung) für LehrerInnen.

Dann bin ich aufgewacht? - Nein, ich meine es ernst!

von Religions- und Ethikunterricht

(übersiedelt aus meinem alten Blog, ursprünglich vom 5.2.09 / 11. Schwat 5769)
Weg mit dem Religionsunterricht - Her mit dem Ethikunterricht?
Eine wissenschaftlich umstrittene aber dafür umso lauter bekanntgemachte Studie über islamischen Religionsunterricht sorgt für Aufregung. Politik sieht - etwas plötzlich - “Handlungsbedarf”, und Kommentare rufen nach dem längst vergessen geglaubten “Ethikunterricht”.
Als gelernte Österreicherin bin ich mir zwar sicher, dass das Konkordat hierzulande nach wie vor fest im Sattel sitzt, aber das schließt Rufe nach Veränderung nicht aus.
Daher ein paar Anmerkungen:
Das spezifische österreichische System mag eine Privilegierung der “anerkannten Religionsgemeinschaften” darstellen, aber das ist natürlich noch keine Garantie für guten Religionsunterricht. Deshalb bin ich - entgegen verbreiteter Vorstellungen, dass ReligionslehrerInnen per se darüber glücklich sein müssten, dass der Staat doch für sie sorgt - kein grundsätzlicher Fan des Konkordats. Wer aber nach Veränderung des etablierten Systems ruft, hat zweierlei zu bedenken:
Erstens: Das bestehende System ist geeignet die Kleineren vor der Übermacht der Großen zu schützen. Ein Wegfall der staatlichen (Teil-)förderungen von Religionsunterricht würde gerade die kleinen Minderheiten vor die größeren Finanzierungsprobleme stellen, und die Frage nach einem Ausgleich auf andere Art aufwerfen.
Zweitens: Der von Seiten des Staates ermöglichte Religionsunterricht hat auch den Effekt, dass der Religionsunterricht an der Leine des Staates gehalten werden kann. - Ein Aspekt, der erstaunlich oft in den Debatten übersehen wird. Ein System wie das Konkordat ist ja nicht nur dazu da, den Relgionsgemeinschaften zu geben, sondern erst recht, sie zu kontrollieren! Will der Staat wissen, was im Religionsunterricht geschieht, so tut er gut daran, ihn bei sich zu behalten. In Zeiten wie diesen gehört es zur Verantwortung der Politik, sich dafür zu interessieren, wie die diversen religiösen (und auch ideologischen) Richtungen im eigenen Land miteinander auskommen, und dieses miteinander-Auskommen gegebenenfalls auch zu moderieren.
Hier stoßen wir auf sehr heikle Fragen: Bis wohin reicht die Freiheit der Religionsgemeinschaften? Wo ist eine Grenze, ab der der Staat Vorgaben machen darf? Ab wo wäre es Zensur oder gar ein Angriff auf die Gewissensfreiheit, wenn sich der Staat zu gut für die Religionen interessiert?
Und der “Ethikunterricht”?
Auf Basis meiner Erfahrungen und bezugnehmend auf häufige Fragen bei interreligiösen Dialogveranstaltungen ist mir ein Punkt sehr wichtig: Das Kennenlernen der “Anderen” kann nicht sinnvoll und erfolgreich im eigenen Religionsunterricht abgedeckt werden (wiewohl es heute in Österreich Standard ist, dieses zu erwarten und auch zu versuchen). Bei allem gutem Willen - an dem ich keinen Zweifel habe - ist nicht damit zu rechnen, dass etwa ein christlicher Religionsunterricht Judentum so erklärt, dass ich mich als Jüdin in dieser Erklärung wieder finden würde, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ChristInnen begeistert zustimmen, wenn ich ihre Lehre aus meiner Sicht in “meiner” Unterrichtsstunde erkläre. Das Kennenlernen der Anderen muss auf möglichst neutralem Boden geschehen und im kritischen DIALOG mit den Anderen. Vielleicht nicht erst unter den heutigen Bedingungen der globalisierten Welt, aber heute sicher mehr denn je, ist ein solches Kennenlernen dringend notwendig.
Kann der “Ethikunterricht” das leisten? Wenn überhaupt, dann nicht in Form einer wahlweisen Alternative anstelle von Religionsunterricht, sondern nur als ein zusätzliches Fach, das alle benötigen. Aber ich gestehe, ich habe Zweifel daran, was das mysteriöse Fach “Ethikunterricht” leistet. Schon allein der Titel: Das Kennenlernen verschiedener religiöser und ideologischer Ströme und “-ismen” ist nicht “Ethik”, sondern eine Art von Kulturenkunde. Vielleicht ist das Etikett ja nicht so wichtig, aber wir würden ja auch nicht den Deutschunterricht “Sprachwissenschaft” nennen. Was im - nur selten durchgeführten - Schulversuch Ethikunterricht eigentlich geschieht und was er leistet ist weitgehend unbekannt. Wie dieser Tage in den Zeitungen zu lesen war, erfuhr eine Studie, welche den Ethikunterricht evaluierte, jenes Schicksal, das Studien in der österreichischen Politik generell erfahren: Sie wurde bei der zuständigen Ministerin abgegeben und dann nie mehr wieder darüber gesprochen.
Daher meine Bitte: Bevor jemand über “Ethikunterricht ja oder nein” diskutiert, überlegen wir einmal, was dieses geheimnisvolle Fach überhaupt sein soll (und wie wir es dann sinnvollerweise nennen wollen).