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- 1.6.2010: Kranke Kassen
- 30.5.2010: KandidatInnen des Liberalen Forums zur Gemeinderatswahl
- 28.4.2010: Nach der Wahl ist vor der Wahl
- 20.4.2010: Fischer wählen!
- 1.4.2010: Kindergärten in Wien: Sind manche Kinder gleicher?
- 12.3.2010: Liegt "Bologna" in "Brüssel"?
- 5.3.2010: EU-Woche der nachhaltigen Energie - geht's uns was an?
- 1.3.2010: Wirtschaftskammer, Wahl und Werbung
- 10.2.2010: Farbenlehre in der Wirtschaftskammer
- 25.1.2010: Ministerinnen und Kommissarinnen
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Archiv der Kategorie Bildung
Kindergärten in Wien: Sind manche Kinder gleicher?
1.4.2010 von ruth.
Die SPÖ behauptet, dass ihr bei der Förderungspolitik für Kindergärten “jedes Kind gleich viel wert” sei. Tatsächlich?
Die Stadt Wien hat zu wenig Kinderkrippen- / Kindergartenplätze. Um den Platzmangel zu verwalten, wurde ein Vorrang für berufstätige Eltern eingeführt. Dies hat fatale Folgen für arbeitssuchende Eltern und deren Kinder. Denn kein Kindergartenplatz heißt allzu oft auch: keine Möglichkeit, einen angebotenen Job anzunehmen. Und da kein Job, bis auf weiteres kein Kindergartenplatz… Dabei wäre es gerade angesichts prekärer Verhältnisse wie Arbeitslosigkeit umso dringender, dem Kind wenigstens zu seiner Kindergruppe zu verhelfen!
Manchmal kommt mir vor, “sozialdemokratische” (oder doch sozialistische?) Politik verwechselt Kindergärten mit Aufbewahrungsorten, an denen das Kind untergebracht wird, damit Mama arbeiten gehen kann. Natürlich besteht kein Zweifel an der Wichtigkeit von Kinderbetreuungsangeboten für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Echte Wahlfreiheit, sich um so oder so viele Arbeitsstunden Erwerbstätigkeit umzusehen, hat die Mutter eines Kleinkindes erst dann, wenn eine gute Kinderkrippe / ein guter Kindergarten tatsächlich da ist. Doch die Menge der Plätze allein macht noch keine ausreichende Kindergartenpädagogik. Österreich ist mit der Mini-Ausbildung “Kindergartenmatura” ein europäisches Schlusslicht in den Ausbildungsstandards der KindergartenpädagogInnen. Eine - tatsächlich ausgeschöpfte - Höchstzahl von 25 Kindern pro Gruppe wirkt auch nicht gerade qualitätsfördernd. Private Kindergärten, die sich weigern, so große Gruppen einzurichten (”Wir wollen keine Kindergaragen werden“) bekommen dann eben weniger Fördermittel. Und hier ist der nächste Schritt, wo manche Kinder (bzw. deren Eltern) gleicher sind als andere. Ist der private Kindergarten vielleicht besser (oder hat den Platz, den der städtische nicht hat), so können nur zahlungskräftige Eltern die Gelegenheit nützen. Den angeblichen “Gratiskindergarten” gibt es nicht für alle.
Nein, ich bin gar keine Verfechterin eines Gratiskindergartens für alle. Eltern, die es sich ohnehin leisten können, mögen ruhig einen Beitrag zahlen. Oft wird natürlich nur ein Teilbetrag als Selbstbehalt möglich sein. Und manche werden volle Förderung benötigen. Doch in jedem Fall will ich, dass das Kind der arbeitsuchenden Alleinerzieherin, das Kind der Supermarktkassierin mit Migrationshintergrund, das Kind des Universitätsprofessors und der Zahnärztin die gleiche Qualität an Kindergartenpädagogik vorfinden!
Davon sind wir in Wien ein großes Stück entfernt. Das Kind im öffentlichen Kindergarten wird zu 100% finanziert auch wenn die Mama Nationalratsabgeordnete ist, das Kind im privaten Kindergarten wird nur zum Teil gefördert, auch wenn vielleicht die Familie sich den Kindergarten vom Mund abspart - und somanches Kind kriegt einfach gar keinen Platz.
Die Diskussion um Vorrang für die berufstätigen Eltern, wie sie derzeit von SPÖVP und Grünen geführt wird, geht am Kern des Problems vorbei: Es gibt keine zufriedenstellende Vorrangregel. Egal wieviel die Mutter “zu Hause” ist, das Kind braucht zu seiner eigenen Entwicklung den Platz in einer pädagogisch kompetent geführten Kindergruppe!
Dazu braucht es:
+ Mehr Kindergartenplätze (einschließlich Kinderkrippen!), sowohl im städtischen Angebot als auch im privaten Sektor. Da gesunder Wettbewerb bekanntlich Qualität fördert, sind für qualitätvolle (!) private Angebote entsprechende Anreize in Form von Förderungen gekoppelt mit Qualitätskriterien zu schaffen.
+ Eine bessere Ausbildung der KindergartenpädagogInnen auf europäisch üblichem Niveau (Bachelor-Abschluss). Solange der Bund dies nicht schafft, hindert übrigens niemand die Stadt Wien daran, in ihrer eigenen Ausbildungsstätte (”BAKIP” der Stadt Wien) zumindest ein Stück weit mit gutem Beispiel voranzugehen, und anstelle der “Kindergartenmatura” höherwertige Lehrgänge einzuführen. Dass spätestens dann auch die miserablen Gehälter der KindergartenpädagogInnen zu überdenken sind, liegt auf der Hand. Eine ausreichende Zahl gut qualifizierter KindergärtnerInnen wird man ohne vernünftige Bezahlung nicht bekommen.
+ Anstelle des Wahlkampfgags “Gratiskindergarten” könnten finanzschwache Eltern durch eine Art Kindergartenscheck gefördert werden, den sie im Kindergarten Ihrer Wahl (!) einlösen.
Ach ja, und wer soll das alles bezahlen? Nun, es wäre gar nicht so schwierig, würde die Stadt Wien nicht so gerne Millionen Euro in Projekten wie Skylink oder Prater-Vorplatz versinken lassen. Hören wir auf mit der teuren Freunderlwirtschaft bei städtischer Projektvergabe und wir haben flugs das Geld für eine Kindergartenoffensive und noch mehr!
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Liegt “Bologna” in “Brüssel”?
12.3.2010 von ruth.
“Bologna” war dieser Tage in aller Munde und in aller Zeitungen Kommentarspalten. Ein paar kleine Eindrücke vom Stand der Debatte:
- “Bologna” als Kennwort für die Umstellung auf ein Bachelor-System wurde zunehmend zum Inbegriff alles Schrecklichen, das sich an Unis findet. Da der ist-Zustand an österreichischen Unis tatsächlich furchterregend schrecklich ist, heißt das nun, dass “Bologna” schlichtweg ein feuerspeiendes StudentInnen-schluckendes Ungeheuer ist. So wie oftmals das Böse “aus Brüssel” kommt, so wurde “Bologna” zur Quelle aller Uni-Miseren. Das ist eine gefährliche Stimmung!
- Einige wenige sprechen es doch ungeniert aus: Nicht “Bologna”, sondern die katastrophale Umsetzung des neuen Systems in Österreich, ist die eigentliche Quelle der Katastrophen. Lehrpläne wurden unter dem Eindruck der Finanznot erstellt. Und ja, gewisse Pfründe da und dort wollten unbedingt gehalten werden. Das Ergebnis sind erstaunliche (freundlich ausgedrückt) Curricula, die nie und nimmer “Bologna” vorgeschrieben hat. Die Misere ist hausgemacht!
- Ein einfacher kleiner Schritt zur Linderung: Schafft bitte wenigstens schleunigst diese “Erweiterungscurricula” ab, und erstetzt sie durch freie Wahl bei Nebenfächern! Das würde allen ein Stück entgegen kommen (bürokratischer Aufwand könnte sinken, Studierende hätten mehr Freiraum, Ihr Studium mit sinnvollem Inhalt so zu füllen, wie es ihren Interessen entspricht.)
- Natürlich geht es um viel mehr. Die Unis platzen aus den Nähten. Nicht einfach wegen des “bösen” deutschen Ansturms - auch wegen des inländischen Ansturms. (Deutsche Numerus-Clausus-Flüchtlinge, die es sich leisten können, gehen übrigens an ganz andere Unis als nach Wien.) In jedem Fall wird es ohne mehr Geld nicht gehen - nicht nur wegen der Plätze, sondern insbesondere weil Qualität nicht ganz ohne Geld zu haben ist!
- Zugangsbeschränkungen sind noch so ein “Bologna”-Ungeheuer geworden. Dabei hat die Frage von Zugangsbeschränkungen gar nix mit einem Bachelor zu tun. Man könnte sie so und so einführen. Was ich an der Debatte dringend vermisse ist die Frage: Zugang beschränken anhand welcher Kriterien? Es gibt da zwei völlig unterschiedliche Ansätze:
a) Man beschließt Plätze zu haben für (sagen wir irgendwelche “Hausnummern”) 2000 Mediziner, 300 Politikwissenschaftler, 100 Orientalisten, 1000 Psychologen … u.s.w. - weil man beschlossen hat, dass so viele davon einst gebraucht werden (oder es das ist, was die Uni schafft). Für so etwas gibt es einen Namen: Planwirtschaft. In diesem System werden die Leute, für die es Plätze gibt, genommen, egal wie gut sie sind. Wären mehr geeignete Anwärterinnen da - Pech, dann müssen welche hinausgeprüft werden, solange die Zahl erreicht ist (so wie z.B. Rektor Badelt das für die WU beschreibt). Sind eigentlich die Hälfte der Bewerberinnen ungeeignet - egal, solange es Plätze gibt, kommen sie schon rein.
b) Man verlangt eine Eignung. Aufnahmsprüfungen sind bekanntlich heikel weil eine Momentaufnahme, die nur bedingt aussagekräftig ist. Alte Schulnoten heranzuziehen, würden jungen Menschen die Chance nehmen, es künftig besser zu machen. Jede/r muss die Option haben, ein verpatztes Schulzeugnis durch spätere Leistungen zu korrigieren. Komplexere Aufnahmeverfahren oder (ernstgemeinte!) Studieneingangsphasen können Sinn ergeben. Aber eines muss klar sein: Wenn dann viele sich als geeignet erweisen, kann die Uni immer noch ein Kapazitätsproblem haben! Verlange ich Eignung, muss ich damit rechnen, dass auch mal 1000 Geeignete mehr vor der Tür stehen, als Vater Staat Plätze an den Unis geschaffen hat.
Natürlich wird es in der Praxis immer eine Mischung aus beiden Ansätzen geben. Wenn man siebt, dann primär nach Qualität, aber die real existierenden Kapazitäten können kurzfristig nicht weggeleugnet werden. Ich habe aber die große, sehr große Befürchtung, dass diejenigen hohen Köpfe unseres politischen Establishments, welche über Zugangsbeschränkungen nachdenken, weit mehr zur Variante der “Planwirtschaft” tendieren. Nicht genug Platz an den Unis? Na dann müss ma vielleicht ja doch Zugänge beschränken… Mit Qualität hat das nicht zu tun! Mit Gerechtigkeit oder Fairness auch nicht.
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Ministerinnen und Kommissarinnen
25.1.2010 von ruth.
Neuerdings ist nicht nur Bildung weiblich, auch die Wissenschaft. Wie komm ich zu so seltsamer Behauptung?
Bildung, ja: Lehrerin auf Grundschul-Niveau zu sein, ist ein Frauenberuf. Unterrichtsministerinnen sind oft Frauen. Aber Wissenschaft? Wissenschaft ist bekanntlich männlich, wenn wir uns das Verhältnis von Professoren zu den paar Professorinnen anschauen. Keine Frage.
Doch neuerdings übernehmen Frauen Wissenschaftsressorts in der Politik. In Österreich bekamen wir gerade neben der Bildungsministerin auch eine Wissenschaftsministerin. Und in der EU ergibt ein Blick auf die designierte Kommission: Bildung und Kultur untersteht Frau Vassiliou aus Zypern, das Ressort Wissenschaft / Forschung / Innovation untersteht Frau Gheogegan-Quinn aus Irland. Die beiden Ressorts überschneiden sich im Universitätssektor, weshalb die beiden Damen viel werden zusammenarbeiten müssen, und auch bereits vor ihren Hearings informelle Kontakte zur Koordination der Ressorts hielten.
Ins Auge sticht der Umgang mit den Ernennungen der KommissarInnen im Gegensatz zur Kür der hiesigen Regierungsmitglieder. KandidatInnen für die EU-Kommission unterziehen sich einem ausführlichen Hearing vor dem zuständigen Ausschuss des Parlaments. Öffentlich, und im Internet übertragen (nicht nur live, sondern auch zu späterer Zeit noch herunterladbar). Jeder und jede EU-Bürger/in kann sich die Hearings in voller Länge anschauen. Verdolmetschung in die gewünschte Landessprache selbstverständlich inklusive.
Nein, nicht jede/r hat Zeit, sich auch nur eine Mehrheit dieser zwei- bis dreistündigen Hearings anzusehen, oder gar das nötige Hintergrundwissen zu sammeln, um alle Details des Frage- und Antwort-Dschungels dieser Hearings zu verstehen. Zusammenfassungen liefert das EU-Parlament in der „Aktuelles“-Rubrik seiner Website, und eigentlich sollte man erwarten, dass hier eine Aufgabe für JournalistInnen vorliegt, über diese Hearings zu berichten. Dazu gibt’s nach so einem Hearing ja auch einen press-point. Aber die österreichische Medienlandschaft ist 15 Jahre nach dem EU-Beitritt immer noch zögerlich in EU-Berichterstattung. Gebracht wurde die neue Repräsentantin für Außenbeziehungen Catherine Ashton, weil sie eine besonders wichtige Position einnimmt. So weit so richtig. Weiters wurde über das Hearing von Johannes Hahn berichtet – weil der ist ja ein Österreicher. Soweit so legitim. Die bulgarische doch-nicht-Kommissarin wurde natürlich auch beachtet. Stimmt, wir wollen erfahren, wenn jemand das Hearing nicht besteht. Aber sonst? Das wars dann wieder? Hat denn der Kommissar aus Österreich das einzig wichtige Ressort, dass nur sein Hearing uns was anginge? Ist das ein Fussballspiel: „Unser“ Kandidat soll gewinnen, und wenn „wir“ nicht dabei sind, brauchen wir’s nicht beachten?
Irrtum. Die Kommissionsmitglieder sind für die ganze EU zuständig. Und die neue Wissenschaftskommissarin und ihre „Bildungs“-Kollegin interessieren mich daher nicht weniger als der Kommissar für Regionalpolitik.
Die neue Forschungs- und Wissenschaftskommissarin Maire Geoghegan-Quinn wurde immerhin in einem Artikel in der „Presse“ beachtet, und die “Wiener Zeitung” nannte brav alle Kandidaturen in einem Kurzportrait. Nun ist allerdings die Wiener Zeitung kein Medium, das Massen erreicht. Es wäre anderen österreichischen Medien gut angestanden auch draufzukommen, dass mit Geoghegan-Quinn ein wichtiges Ressort von einer Persönlichkeit übernommen wird, der man die große Aufgabe auch zutrauen mag. Notiz genommen hat die Wirtschaftskammer (gewiss liest man dort Presse und Wiener Zeitung), und freut sich zurecht darüber, dass die Bereiche Forschung und Innovation nun in einem Ressort zusammengelegt wurden. Dieser neue Schritt ist in der Tat wichtig.
Ein großes Thema im Hearing war die Beteiligung von Klein- und Mittelbetrieben am (derzeit 7.) EU-Rahmenprogramm für Forschung und Entwicklung, dem größten öffentlich finanzierten Forschungsprogramm der Welt. Noch sind (trotz bereits getätigter Verbesserungen) die calls des Rahmenprogramms so kompliziert und die Abläufe bis zur Bewilligung so langwierig, dass eine Teilnahme für kleine Betriebe ans Unmögliche grenzt. Es herrschte Konsens unter den ParlamentarierInnen und der designierten Kommissarin, dass sich die Möglichkeiten für KMUs deutlich verbessern müssen.
Eine wichtige Frage war auch der Anteil von Frauen in der Wissenschaft. (Hier scheint die Wirtschaftskammer nicht so genau zugehört zu haben.) Interessant fand ich den Hinweis der Kandidatin, dass in manchen Sektoren der Frauenanteil bereits deutlich besser ist als in anderen – von Erfahrungen der erfolgreichen habe man zu lernen. Und es gehe hier nicht einzig um Gleichstellung, sondern es gehe auch um den Verlust von Talenten, der durch den Ausschluss von Frauen entsteht, und den man sich nicht leisten könne. Wie wahr!
Zu ihrem persönlichen Arbeitsstil, der auf Kooperation setzt verbunden mit offensichtlicher Fähigkeit zur Standfestigkeit, bemerkte Geoghegan-Quinn in erfrischender Weise, dass sie sich als Politikerin sehe und nicht als eine Bürokratin oder Staatsdienerin („civil servant“). Das heißt, sie will bewegen, tatsächlich etwas umsetzen. Die Forschung und Innovation, welche die EU fördert, sei schließlich „am Ende des Tages“ in Arbeitsplätze umzuwandeln.
Ich fand das Hearing der Kandidatin Geoghan-Quinn erfrischend – überwiegend klare Antworten auf wichtige Fragen ließen die schwierige Materie von Forschungsrahmenprogramm, Mobilität für WissenschafterInnen, Beteiligung von Frauen u.v.m. gar nicht langweilig erscheinen. Natürlich konnte man im einen und anderen Fall im Gesicht eines Fragestellers sehen, dass er nun nicht ganz die erwünschte Antwort erhielt, und manch Phrase von Politjargon war in den zwei Stunden auch dabei, aber insgesamt erweckte das harte Frage-Antwort-Spiel den Eindruck dass sowohl die ParlamentarierInnen als auch die neue Kommissarin an echten Lösungen für die großen Aufgaben, welche das Ressort bietet, arbeiten wollen.
Ist man einmal Kommissar oder Kommissarin, soll das Herkunftsland aber auch die Partei, aus der man kommt, nicht mehr allzu relevant sein. Und so spart die Website des EU-Parlaments bei den Infos über die Kommissions-KandidatInnen mit Angaben der politischen „Farbe“. Sie muss man aus den Lebensläufen herauslesen. Geoghegan-Quinn machte den Anfang ihrer politischen Karriere in Irland in der „Fiana Fail“, einer einst national-konservativen Partei, die aber mittlerweile in die Fraktion der Liberalen im Europaparlament gewandert ist, und auch in der ELDR (der Vereinigung der europäischen Liberalen) dabei ist.
Auch die designierte Kommissarin für Bildung und Kultur kommt aus dem liberalen Lager. Ist Bildung nicht nur eine weibliche sondern auch eine liberale Domaine? Wenn ja, könnte dies eine Erklärung für die Schwäche der österreichischen Bildungs- und Wissenschaftspolitik sein? Es fehlt wohl hierzulande an einem starken liberalen Input im Bildungs- und Wissenschaftssektor!
Als Kommissarin für Bildung und Kultur (neuerdings gehört zum Ressort auch der Sport) wurde Androulla Vassiliou aus Zypern nominiert. Bevor sie eine eigenständige politische Karriere begann war sie einmal First Lady als Gattin eines Präsidenten von Zypern. - Ein gewisses Flair von Familienbanden scheint ja sowohl die irische als auch die griechische und griechisch-zypriotische Politik zu durchziehen, doch das schließt nicht aus, dass die Damen aus den Politiker-Häusern auch selbst Qualifikation mitbringen.
Vassiliou war bereits kurze Zeit als Kommissarin für Gesundheit tätig, ist also kein Neuling, Sie tritt ganz und gar nicht als so eine Powerfrau auf, wie Geoghegan-Quinn, eher erinnert ihr konservativ-elegantes Outfit an ihren einstigen Posten als First Lady, und ihr Ressort gilt als weniger bedeutend (weil die Kompetenzen der EU im Bildungswesen gering sind). Bei näherem Zuhören bemerkt man aber, dass man weder sie noch ihr Ressort darob unterschätzen muss. Immerhin sind die Austauschprogramme für Jugendliche in der EU ein sehr wichtiger Faktor interkultureller Bildung und ein wichtiger Baustein zur Herausbildung einer europäischen Identität. Auch hier ist Vereinfachung der Programme ein wichtiges Thema. Zurecht stellte die Kommissarsanwärterin im Hearing fest, dass die Vielfalt der EU-Programme verwirrend auf diejenigen wirken könnte, welche schließlich die NutznießerInnen sein sollen. Das soll künftig überschaubarer werden. Zu beachten seien alle Glieder der Kette von Schulzeit bis Berufsausbildung oder Graduierten-Studium, aber auch Erwachsenenbildung. Augenmerk verspricht Vassiliou auch der LehrerInnen-Mobilität zu widmen. Schließlich können Lehrkräfte ohne Auslandskenntniss keine ausreichenden Vorbilder für die SchülerInnen oder StudentInnen sein. Im Rahmen der Weiterbildung von PädagogInnen sei besonders auf Umgang mit neuen Technologien zu achten, denn was früher ein „Generationen-Gap“ war, finde heute im Zeitraum von fünf Jahren statt. Die Notwendigkeit, PädagogInnen Weiterbildung um Umgang mit neuen Technologien zu bieten, ist daher groß.
Ein Thema im Hearing war auch die soziale Integration durch Bildungsprogramme, wobei der Kandidatin nicht nur Kinder aus ärmeren Familien einfielen sondern ausdrücklich auch solche von ImmigrantInnen. Worte wo man sich wünschen würde, dass sich mehr davon auch nach Österreich herumspricht! Auch beim Thema der Vielsprachigkeit und der Förderung von Mehrsprachigkeit fühlt man sich als österreichische Zuseherin in einer anderen Welt: Da hat die Kommissarin doch tatsächlich ein Bewusstsein für die Bedeutung von Minderheitensprachen und auch „Respekt“ vor den „an die vierhundert“ (so ihre Schätzung) Sprachen, welche MigrantInnen in der EU sprechen. Und Mehrsprachigkeit sei bereits im Kindesalter zu fördern. Vielleicht sollte das eine oder andere österreichische Regierungsmitglied mal eine Exkursion zur EU versuchen?
Was tun wir derweil in Österreich? Eine neue Wissenschaftsministerin. Immerhin eine mit unstrittiger wissenschaftlicher Qualifikation. Als Expertin für Arbeits- und Sozialrecht könnte sie im Wissenschaftsministerium zwar Einarbeitungszeit brauchen, aber vielleicht hat sie als Expertin für Arbeitsrecht ja eine gute Hintergrundinformation über die Einkommens- und Arbeitsbedingungen von jungen WissenschaftlerInnen ebenso wie von Lebensunterhalt-verdienen-müssenden StudentInnen.
Konkrete Vorhaben? Inhaltliche Aussagen anlässlich ihres Arbeitsantritts? Eine Möglichkeit für die Öffentlichkeit, sich vor der definitiven Angelobung ein Bild zu machen? I wo! Hier doch nicht. Österreichischer Weg (laut den Berichten in den Zeitungen): Eine Woche vor Amtsantritt wird sie erstmals gefragt. Zwei Tage vor der Angelobung erfährt sie selbst, dass sie es wird. Nein, es ist ihr kein Vorwurf zu machen, dass sie unter diesen Bedingungen konkrete inhaltliche Auskünfte über ihre Vorhaben scheut. Wie sollte sie? Der Vorwurf ist einer Regierung und einem politischen Establishment zu machen, die solche Nominierungen durchziehen. Im Fall der neuen Wissenschaftsministerin scheint es ja immerhin gelungen zu sein, dass die ÖVP unter den Namen die gerüchteweise „gehandelt“ wurden, nicht die schlechteste Wahl getroffen hat. Wollen wir es hoffen, dass Frau ab-morgen-Ministerin Karl dem riesigen Berg an Problemen, der sich in ihrem Ressort aufgestaut hat, gewachsen sein wird. Aber dass bei solcher Art von Nominierungen (Zeit schinden, damit die Uni-Proteste abflauen und man in die Prüfungs- und Ferienzeit hineinkommt, Landtagswahlen berücksichtigen,…) auch unfähige Leute in Regierungsämter kommen können, liegt auf der Hand. Und solange die Regierungsämter entweder rot-schwarz oder schlimmstenfalls blau-schwarz vergeben werden, besteht auch keine Chance, dass sich an solchen Methoden was ändert. Gut, dass ein paar Kompetenzen auf EU-Ebene sind. Dort ist zwar nach wie vor der Ministerrat, der von eben so zustande kommenden Regierungen beschickt wird, die intransparente Dunkelkammer Europas. Aber wenigstens begleitet und kontrolliert von einem viel aktiveren Parlament das gewohnt ist, Antworten auf offene Fragen einzufordern!
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Geöffnete und geschlossene Bibliotheken
10.1.2010 von ruth.
Nach fast drei Wochen Jerusalem-Aufenthalt (wo es für die Jahreszeit überdurchschnittlich warm und sonnig war) kam ich wieder in Wien an, und hab mich noch nicht an den Schnee und die Kälte gewöhnt.
Ein großer Schreck war mir die Nachricht, dass in Wien die Uni einen Großteil ihrer Bibliotheken einfach über die Weihnachtsferien zusperrte - wegen der Schließung des Hauptgebäudes und des NIG. Aus Angst vor einer Handvoll DemonstrantInnen und einigen armen Obdachlosen sperrt man hierzulande Bibliotheken zu? Ich glaub da hat man im Rektorat etwas missverstanden! Studierende und BibliotheksbenützerInnen sind kein Sicherheitsrisiko!
Also will ich für mich froh und dankbar sein, dass es mir über die Ferien vergönnt war, in der Nationalbibliothek in Jerusalem und auch der Uni-Bibliothek der Hebräischen Universität Jerusalem (am Skopus-Berg) ganz ohne Schließtage 10 bis 11 Stunden pro Arbeitstag (4-5 Stunden an Freitagen) zu verbringen. Hat dem Stand meiner Dissertation gut getan.
Was aber machen arme StudentInnen in Wien, die nicht über die Ferien an bessere Orte der Wissenschaft fliehen können?
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Vom Audi Max - wohin?
8.11.2009 von ruth.
Vor wenigen Wochen hatte ich auf dieser Seite einen Kommentar zum Zustand der österreichischen Universitäten geschrieben. Dass wir in Kürze in diesem ruhigen streik- und demonstrationsarmen Österreich gleich mehr als zwei Wochen lebendiger Studentenproteste erleben können, hatte ich dabei nicht erwartet. - Obwohl ich zu Semesterbeginn an der Uni Wien live mitansehen konnte, wie die Lage am explodieren war. Aber wer wird denn ausgerechnet in Wien mit Großdemonstrationen rechnen? Vor ca. drei Jahren tobten Studentenproteste in Israel. Dort waren die Studierenden nicht zimperlich und sperrten die Unis gleich ganz zu, um wochenlang Hauptstraßen den Landes mit ihren Demonstrationen lahmzulegen. In Wien gab es damals auch eine Demonstration von Studierenden, zu durchaus ähnlichen Themen (Studiengebühren, Einsparungen im Lehrbetrieb…). Hier gingen halt ein paar ÖH-AktivistInnen mit ein paar Transparenten einmal über den Ring, das war’s dann wieder.
Diesmal ist alles anders. Und es ist nicht nur der Protest anders, sondern wir haben einen ernsten Einschnitt in der österreichischen Politik erlebt. Manche scheinen immer noch der Meinung zu sein, da seien halt ein paar linke Splittergrüppchen am Werk, und der ganze Spuk werde bald vorbei sein.
Doch auch wenn die „Besetzungen“ der Hörsäale gewiss bald zu einem Ende kommen werden, und die Regierung kurzfristig versuchen wird, das Problem „auszusitzen“, sind viele Neuerungen erkennbar. Eine Neuigkeit ist die über weite Strecken gemeinsame Front zwischen Lehrenden und Studierenden. Nach den ersten Schrecksekunden begann nicht nur der Mittelbau sondern begannen sogar Rektorate einen vorsichtigen Weg der kritischen Kooperation mit den Protestierenden. Immerhin wusste die Rektorenkonferenz ja schon früher als die betroffenen StudentInnen, dass ihr Budget für dieses Semester nicht reichen kann! Österreichischer Gehorsam und brave Parteigefolgschaft müssen irgendwann auch bei Rektoren und Uni-Räten an ihre Grenzen stoßen. (Hoppala, ich schreibe „Rektoren“, gibt’s auch Rektorinnen? Ich glaub eine?)
Für österreichische Verhältnisse sehr neu ist aber insbesondere die Form, in der sich junge Menschen hier organisieren:
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Keine etablierte „Interessensvertretung“, auch keine politische Partei, die da „ihre“ Leute mobilisiert hätte. Sondern ein loses Netzwerk, von Menschen, denen die Geduld gerissen ist, und deren einzige Ressource neben ihrer eigenen Arbeits- und Denkkraft ein Internetanschluss ist. Es wurde schon viel darüber gebloggt, dass diese führungslose Netzwerkform sowohl Stärke als auch Schwäche der Bewegung ausmacht.
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Das unscharfe Schweben und Schwanken der Forderungen – primärer Vorwurf an die Demonstrierenden, und zugleich typisch für so ein loses Netzwerk – birgt Risiko und Chance. Das Risiko, sich lächerlich zu machen, ist offensichtlich. Es kann aber auch eine Chance sein: Diese neue Form des Pendelns und Abänderns der jeweils für den Tag gültigen Meinung kann auch eine neue Form des öffentlich Diskurses sein, in dessen Rahmen ausgelotet wird, welche Positionen und Ideen auf dem Markt sind. Kann so ein Diskurs dazu führen, dass nach einer Phase des Pendelns und Suchens ein gemeinsamer Nenner gefunden wird? Oder muss man fürchten, dass kleine Grüppchen (die aus irgendeinem Grund schneller / besser organisiert/ mit dickeren Budgets ausgestattet sind) solche Netzwerke kapern? Wichtig wird sein, den freien Zugang für alle „Marktteilnehmer/innen“ der Meinungsbildung zu sichern. Einstweilen scheint man sich (nicht nur im Audi-Max, sondern generell in der facebook- und twitter-Welt) auf eine selbstkontrollierende Funktion des Systems zu verlassen. Das ist mutig! Vielleicht sogar übermütig?
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Eines Tages wird es notwendig, die in einem sozialen Netzwerk schwebende Stimmung zu konkreten Forderungen und Maßnahmen zu kanalisieren. Das geht dann nicht ohne Köpfe an der Spitze, die auch mit Namen und als Person für das einstehen, was sie tun, und Verantwortung übernehmen. Zudem ist ja nicht alles, was getan werden muss, gleich geeignet, genug Emotionen für breite Netzwerke zu binden.
Daher werden weder jetzt noch bei späteren Gelegenheiten die jungen Netzwerke die „alte“ Form der Politik völlig ablösen können. Aber eine Politik, der es nicht gelingt, sich in die neue Welt der Netzwerke zu integrieren, die wird sehr bald sehr alt aussehen. Eine Erkenntnis aus dem Audi Max lautet: Viele im österreichischen Establishment haben hier noch sehr dazuzulernen.
Für die Uni-Proteste zeichnet sich dieser Tage der Weg eines Volksbegehrens ab. Nix ist fix wurde gleich beschwichtigt. Mir erschiene ein Volksbegehren der sinnvollste Schritt, um aus dem engen Audi-Max wieder heraus zu finden. Ein großer Test – ob es der losen Bewegung gelingt, Forderungen so aufzustellen, dass eine BREITE Unterstützung möglich ist? Ein Volksbegehren einleiten heißt: führende Personen, Zeit und Geld aufzustellen. Ob sich falsche Freunde „draufsetzen“ werden? Ob es von links-außen-Grüppchen in Besitz genommen werden könnte – mit lächerlichen Forderungen, die niemand unterschreiben mag? Oder ob so schnell aus der ersten größeren Bewegung, die dieses Land seit Zwentendorf und Hainburg überhaupt sieht, gleich ein gut gemachtes, breites Volksbegehren erwachsen kann? Wenn letzteres nicht gelingt, kann es als Lernprozess für die junge Netzwerkwelt immer noch wichtig sein.
Und wenn das Volksbegehren ein Erfolg wird? Nein, nein, Volksbegehren bewirken im Parlament natürlich unmittelbar gar nix. Aber die öffentliche Aufmerksamkeit und das Ausmaß öffentlicher Debatte wären bei einem gelungenen Volksbegehren so groß, dass die etablierte Politik nicht länger das „Aussitzen“ spielen könnte. „Volksbegehren“ werden in Österreich üblicherweise von Parteien initiiert. Man stelle sich vor, ein echtes Volks-Begehren! Ja dürfen’s denn des? Und nebenbei hätte Strache ein Problem! Denn das wäre nicht sein „Volk“, das sich da artikuliert. Schon allein das sollte es wert sein!
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Ein Erwachen für österreichische Unis?
21.10.2009 von ruth.
Ich habe gezögert, in die allgemeine Kommentarflut über die Zustände an österreichischen (insbesondere Wiens) Unis einzusteigen. Zu sehr ist das Thema zu Semesterbeginn eine Mode. Und wer glaubt dem Wissenschaftsminister schon seine (Aus-)Reden? Lohnt es sich also, sie zu kommentieren? Ein paar Anmerkungen will ich versuchen, weil mir scheint, dass etwas in der Debatte zu kurz kommt.
Indirekt hat der Herr Minister eingestanden, dass die Studiengebühren Leute vom Studieren abhielten (was die ÖVP stets leugnete!) als er meinte, die überfüllten Hörsäale seien deshalb, weil nun keine Studiengebühren mehr anfielen. Wären tatsächlich nur die “Karteileichen” von der Budgetsanierungsaktion “Studiengebühren” betroffen gewesen (wie die ÖVP zu behaupten pflegte), so dürfte deren nunmehrige Rückkehr in die Karteien ja keinen Platz im Hörsaal beanspruchen! Doch die Platzfrage ist nur ein Teil des Problems. Und zwar Teil eines Problems, das älter ist.
Vorweg, worüber Einigkeit herrscht:
+ Die Lage an den hiesigen Unis ist schlimm.
+ Schuld daran ist nicht der Bachelor. Schuld daran sind auch nicht die “abgeschafften” (tatsächlich nicht völlig abgeschafften!) Studiengebühren.
+ Bessere Unis würden Geld kosten. Wenn überhaupt Studiengebühren, dann so, dass sie a) den Unis was bringen und b) ein funktionierendes Stipendiensystem dafür sorgt, dass alle, die bedürftig sind, tatsächlich genug bekommen, um studieren zu können. Von letzterem ist Österreich weit entfernt.
Die Einigkeit endet bei der Frage der Finanzen. Soll ein besseres Studiengebühren-System kommen (höhere Beiträge, aber mitsamt den dazugehörenden sozialen Ausgleichsmaßnahmen) oder ist der “freie Hochschulzugang” in Österreich einfach sakrosankt? (Könnte die linke Reichshälfte dieser Republik überhaupt in der Lage sein, etwas abzuschaffen, das ausgerechnet Kreisky eingeführt hat?) Bei manchen Postings der letzten Wochen zum Thema Studiengebühren hatte man den Eindruck, es gehe um Glaubensbekenntnisse. Also will ich ein bisschen Ketzerei in beide Richtungen versuchen:
Unis brauchen Geld. Was hieße ein ernstzunehmendes Studiengebührensystem mitsamt ausreichend Stipendien? Nehmen wir an, es würde gut funktionieren. Teure Unis würden ihre Beiträge kassieren und wer das Geld nicht hat, dem/der wird geholfen. Einwand Nr. 1: Als gelernte Österreicherin muss ich massive Zweifel daran hegen, dass es funktioniert. Studiengebühren, die nicht irgendwo im Budget versinken sondern tatsächlich an die Uni gelangen? Schön wär’s! Wichtiger ist mir Einwand Nr. 2: Nehmen wir tatsächlich an, es würde funktionieren. Täte das umfangreiche Unterstützungssystem, das hier notwendig wäre, am Ende ebenso viel kosten, wie wenn man gleich keine Gebühren einheben täte? - Sondern das entsprechende Geld einfach direkt den Unis gäbe? Gewiss wäre es ungerecht, dass dann ein paar Reiche auch gratis studieren können. Aber vielleicht wäre diese (durchaus ertragbare) Ungerechtigkeit für das Staatsbudget harmloser als der riesige Apparat eines adequaten Stipendiensystems?
Und die Heiligkeit des “freien Hochschulzugangs” in Österreich? Ja, ich bin eine derer, die nicht studiert hätten, wären da schon zu Beginn meines Studiums Studiengebühren gewesen! Aber heißt das nun, dass in Österreich immer alle so gut studieren konnten? Seien wir ehrlich: Nein.
Der freie Hochschulzugang, wie er sich darstellte, als meine Jahrgänge die Maturaklassen verließen, hieß, dass alle inskribieren durften. Er hieß auch damals NICHT, dass alle die da kommen, ihr Studium auch abschließen sollen! Sitzplätze auf den Stufen des Hörsaals und Stehplätze vor der Tür des Hörsaals gab es auch in den 80er-Jahren. Knock-out-Prüfungen, mit denen überlaufene Institute zu sieben versuchten, gab es auch. Dass manche Lehrende froh waren, wenn einige der Studienwilligen spätestens nach den Weihnachtsferien nicht mehr kommen, war ebenso spürbar wie heute. Ein Studium inskribieren hieß noch lange nicht, es abzuschließen. Und wenn überhaupt, dann konnte der Abschluss fast beliebig lang dauern. Da es bei weitem kein ausreichendes Stipendiensystem gab, musste der Abschluss neben Berufstätigkeit oft auch lang dauern. Das österreichische Modell des Langzeitstudiums (sei es aufgrund ökonomischer Zwänge oder aufgrund eigenen Leichtsinns) ist ein Phänomen dass in vielen anderen Ländern nicht verstanden wird. Wie kann man 10 Jahre für einen Magister studieren? In Wien kein Problem. Mittlerweile erkannte die österreichische Politik ein Problem darin und versucht Maßnahmen - kurzsichtige, unüberlegte Hüftschüsse von sinnleeren Fristen, mehr kontraproduktiv als hilfreich. So geht’s auch nicht.
Durften im vermeintlichen Paradies des freien Hochschulzuganges der SPÖ-Ära wirklich alle inskribieren? Na, Matura war schon Voraussetzung (Studienberechtigungsprüfung von HauptschulabsolventInnen natürlich selten). Das Schulsystem sorgte schon dafür, dass nicht zu viele dorthin kamen.
Und die Qualität? Waren denn hiesige Unis in den 70er, 80er-Jahren so gute Unis? Erreichten sie international ernstzunehmende Standards? Nein. Nur hat das damals nicht gestört. Solange Österreich sich in einer stillen Falte des Eisernen Vorhangs verbarg, ausgestattet mit schöner Landschaft sowie einer Legende, dass Beethoven ein Österreicher und Österreich nur das erste Opfer Nazi-Deutschlands gewesen sei, solange war auch kein Bedarf an internationalen Standards auf hiesigen Unis. Schließlich konnten sie sich in Stille und rot-schwarzer Farbaufteilung selbst reproduzieren. Wenn man denn ein Studium abschloss (und nicht danach einen Job in einem Ministerium einnahm), begann man an der gleichen Uni zu unterrichten, publizierte in deutscher Sprache, habilitierte sich am selben Ort - und gab dasselbe an die nächste Runde weiter. Erinnern wir uns nicht mehr an die Klagen über Professoren, die nach ihrer Habil nichts mehr publizierten? Manche von ihnen waren vor wenigen Jahren noch aktiv. Gewiss gab es beeindruckende Ausnahmen, aber das allgemeine System genügte sich selbst. Die rote Errungenschaft bestand einzig darin, dass solche Arbeiterkinder, welche es zur Matura gebracht hatten, an jenem System auch ein Stück des Kuchens erwerben konnten.
Nein, ich will nicht zurück zu den gepriesenen frei zugänglichen Unis der sozialistischen / sozialdemokratischen Ära! Es wäre auch gar nicht möglich. Denn die Falte des Eisernen Vorhangs, die Österreich vor der großen weiten Welt da draußen beschützt hat, existiert nicht mehr. Schon seit einer Weile reiben sich unsanft erwachte Unis die Augen ob des grellen Lichts das da hereinscheint und ungewohnte Qualitätsansprüche stellt! Manche können damit noch nicht umgehen. Vereinzelt leisten tapfere Lehrende stille Heldentaten indem sie trotz sehr schlechter Bedingungen sehr guten Unterricht zustandebringen. Sie sind nicht in der Mehrheit.
Unsere Unis sind in mehrfacher Hinsicht in prekärer Lage. Kein Geld, und gleichzeitig sollen sie lernen, an Standards aufzuschließen, die ihnen früher niemand zugemutet hat! - Es geht bei weitem nicht nur um Studiengebühren. Der Geldmangel im Bildungssektor und die Verteilungskonflikte um die Kosten sind ein internationales Phänomen. Das spezifisch österreichische ist, dass hier gleichzeitig ungewohnte neue Standards wissenschaflticher Arbeit erkannt und umgesetzt werden sollten.
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Lesen lernen
10.9.2009 von ruth.
In der Österreich-Ausgabe der ZEIT (leider nicht auf ZEIT online) ist heute ein interessanter und zugleich bedrückender Artikel über modernen Analphabetismus. Das Thema - keineswegs ein rein österreichisches Phänomen - ist nicht neu. Es taucht ziemlich regelmäßig einmal jährlich auf, denn da gibt es so einen “Welttag der Alphabetisiertung” - der so viel nützt, wie “Welttage” dieser Art nützen. Immerhin ermöglichen sie den einen oder anderen Zeitungsartikel. Besonders schwierig ist das Problem durch die hohe Dunkelziffer. Betroffene schämen sich in einer Gesellschaft, in der es einfach nicht vorgesehen ist, dass jemand nicht (ausreichend) lesen kann.
Liest man Beiträge wie jenen in der heutigen ZEIT, dann mag man den Eindruck bekommen, es sei vielleicht primär eine ältere Generation betroffen: Diejenigen, die weiland noch von der Hauptschule in die Sonderschule geschickt wurden, ohne dass jemand näher auf die Ursache ihrer Probleme eingegangen wäre. In der Zwischenzeit hat sich im Schulbetrieb vieles verändert und Kinder mit Lernschwächen haben doch etwas größere Chancen, richtig betreut zu werden, als noch vor 20-30 Jahren. Wissen tun wir es bei so immenser Dunkelziffer natürlich nicht, - immerhin ist es ja üblich, dass Leute mit groben Lerndefiziten auch Strategien entwickeln, das Problem vor sich selbst und ihrer Umgebung zu vertuschen. Bis ein einschneidendes Erlebnis (oder doch richtige Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit!) dazu führt, dass Betroffene Rat suchen, kann es dauern.
Aber selbst wenn (wenn!) ich mich der Hoffnung hingebe, dass unter den SchulabgängerInnen der letzten Jahre die Quote der “funktionalen Analphabeten” geringer sein könnte, ist da jedenfalls noch etwas: Die Sache, die in den diversen Studien unter “sinnerfassend Lesen” subsumiert ist. Ich kenne sie aus eigenem Erleben aus somancher Unterrichtsstunde: Junge Leute, die irgendeine Pflichtschule mit ach-und-krach absolviert haben, mit Glück und Unterstützung vielleicht sogar eine Lehre schaffen - und die sehr wohl auf den ersten Blick überzeugend lesen können, soweit lesen, dass sie eine facebook-Seite öffnen können und in diese facebook-Seite munter allerlei hineintippen. Aber wenn sie einen Text vom Schwierigkeitsgrad eines Lexikonartikels vorgelegt bekommen, oder ein unübersichtlich gestaltetes Formular ausfüllen sollen, dann sind sie überfordert.
Geschätzte 300.000 oder auch mehr “funktionale Analphabeten” in Österreich. Dazu diejenigen, die munter lesen, aber deren Lese-Horizont nicht über die U-Bahn-Zeitung hinausreicht.
Bei mir zählen Bücher zu den Grundnahrungsmitteln, und so bereiten mir solche Situationen einen großen tiefen Schmerz. Welch einen grauenhaften Verlust erleiden Menschen in ihrem Leben, wenn ihnen ein gutes Buch verwehrt bleibt! Wir reden hier nicht von freier Entscheidung, etwas auch einmal nicht lesen zu wollen - sondern davon, dass die Wahl der Lektüre durch eine Barriere eingeschränkt wird, die Betroffene ohne Hilfe nicht so einfach überwinden könnten. Wie gelingt es, dass Österreich (oder: Europa?) lesen lernt?
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Vom Übersetzen jüdischer heiliger Texte
21.8.2009 von ruth.
Ein erfreulich gutes Buch will ich heute vorstellen: “Translating Religion” verfasst von Benjamin H. Hary, erschienen bei Brill - um den leider weniger erfreulichen Preis von Euro 130.,- (Ich hatte dank einer Vorinformation aus einem Fach-Newsletter gerade noch Gelegenheit, es zum verbilligten Subskriptionspreis zu ergattern, und konnte somit ein Exemplar für die Bibliothek der WGJS zu einem zumutbaren Preis anschaffen.)
Das Buch trägt den Untertitel “Linguistic Analysis of Judeo-Arabic Sacred Texts from Egypt”, und handelt also primär von arabischen jüdischen Übersetzungen aus dem ägyptischen Raum. Bevor der Autor jedoch zur genaueren Analyse der arabischen Texte vordringt, beschreibt er in den ersten beiden Kapiteln das Spektrum der jüdischen Sprachvarietäten und ihrer Übersetzungskulturen, um den Platz des Judeo-Arabischen innerhalb dieses Spektrums auszuloten. - Und hier ist nun der Teil des Buches, den ich für den besonders erfreulichen halte. Denn während mir an zahlreichen Publitkationen über jüdische Bibelübersetzungen (sowie Texten wie Torah, Haggadot, Pirke Avot, Siddur etc.) immer wieder aufstieß, dass die Analysen zu eng an der jeweils untersuchten Sprache und Epoche klebten, wurde hier von Hary ein sehr weites Spektrum der jüdischen Übersetzungskultur heiliger Texte mit ins Bild geholt. - Ein Vorgang den ich für essentiell halte, um auch die Position des jeweiligen spezifischen Untersuchungsgegenstandes dann besser verstehen zu können!
Dies macht die ersten Kapitel des Buches auch interessant für LeserInnen, die sich nicht spezifisch für arabische Texte sondern für Fragen jüdischer Übersetzungskultur religiöser Texte generell interessieren. Sehr erfrischend ist der differenzierte Umgang des Autors mit dem Begriff “jüdischer Sprachen” - nicht immer ist eine Varietät gleich als “Sprache” einzuordnen - hier gibt Harys Darstellung einen fortgeschrittenen Diskurs über das Spektrum der jüdischen Varietäten wieder, der sich m.E. erfreulich von älteren Publikationen abhebt (wo manchmal jeder jüdische Fachausdruck gleich zum Beleg für eine angebliche “jüdische Sprache” erhoben wurde). Auch dem dritten Kapitel, welches nun spezifischer zum Wesen der judeo-arabischen Übersetzungen fortschreitet, lässt sich noch ohne Arabisch-Kenntnisse folgen, wodurch es einen wertvollen Beitrag leisten kann für LeserInnen, die sich mit einer anderen jüdischen Sprachvarietät beschäftigen, und ihren Horizont um einen Einblick in das arabische Feld erweitern wollen.
Erst ab den folgenden Kapiteln wird das Buch wohl nur mehr für hartgesottene SprachwissenschaftlerInnen, die über Arabisch-Kenntnisse verfügen, zum echten Lesegenuss.
Zugegebenerweise ist der stolze Preis, den der Brill-Verlag für das qualitätvolle Werk nimmt, nicht angemessen für solche LeserInnen, die nur die ersten drei Kapitel daraus lesen wollen. Aber für den Fall, dass es in der Universitätsbibliothek nicht auftachen sollte: Wir haben es in der Bibliothek der Wiener Gesellschaft für Jüdische Studien!
Wenn ich nun so über den Preis geklagt habe, sei zur Ehre des Verlags noch angemerkt, dass die technische Ausführung des Druckes exzellent ist. Schon allein die Tatsache, dass die Publikation in drei Schriften mit einem Heer an Sonderzeichen (zur Darstellung arabischer Begriffe in lateinischer Umschrift sowie zur Darstellung von Arabisch in Hebräischer Schrift…) daherkommt, ist für die Editionsarbeit eine Herausforderung, vor der wir Respekt haben wollen. Trotz allen Verständnisses dafür, hoffe ich sehr, dass es beim angekündigten zweiten Band (der Textbeispiele bringen soll), wieder die Gelegenheit eines Subskriptionspreises geben wird!
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Petition gegen den CERN-Ausstieg
12.5.2009 von ruth.
unterschreiben auf:
http://sos.teilchen.at/petition/
Es sind nach eineinhalb Tagen schon über 11.000 Unterschriften. Alle Achtung! Weiter so!
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Wissenschaft aus in Österreich?
8.5.2009 von ruth.
Ich hätte vorgehabt, heute etwas über den EU-Wahlkampf zu schreiben. Besser gesagt über die Abwesenheit jeglicher substantieller politischer Botschaft unter sämtlichen WahlwerberInnen, die da antreten. Doch dann ging ich mal Zeitunglesen - und stellte fest, mein Entsetzen über die EU-Wahllisten kann noch übertroffen werden. Nämlich vom Entsetzen über österreichische Wissenschaftspolitik.
Die Bundesregierung - konkreter das Ministerium von Minister Hahn - hat beschlossen, kein Geld mehr für eine Mitgliedschaft bei CERN zu haben. Nein, ich versteh nichts von Physik, so richtig gar nix. Aber dass physikalische Grundlagenforschung wichtig ist, und Österreich froh sein muss, bei so einem Top-Projekt dabei sein zu können, das hab auch ich kapiert.
Wie kann man nur? Es heißt: kein Geld. Und anscheinend ist das tatsächlich der einfache echte Grund. Nicht etwa Überlegungen, ob Großprojekte dieser Art unzeitgemäß sein könnten (wie es ein Artikel in der heutigen Presse meines Erachtens völlig unüberzeugend suggeriert), auch nicht konkrete Gedanken, dass genau dieses Geld in konkret anstehende andere Forschungsprojekte fließen solle (die irgenwie vielversprechender wären?). Nein, einfach ein Budgetloch, und nicht einmal ein gar so großes. Das wahnwitzige Argument, es handle sich um 70% dessen, was für internationale Forschungskooperation vorgesehen sei, ist ja nur Ausdruck dessen, dass in diesem Land eben nebbich wenig für internationale Forschungszusammenarbeit ausgegeben wird! Es ist so schon schlimm genug, nun soll es noch schlimmer kommen.
Dabei ist nicht zu vergessen, dass das nur die Spitze eines Eisberges ist. Dieser Ausstieg aus einem Ort der Spitzenforschung ist nur das oberste Symptom eines kranken Bildungs- und Wissenschaftssystems. Ein krankes Schulsystem, eine unzureichende LeherInnenausbildung, kranke geradezu kaputte Universitäten, keine Konzepte für wissenschaftlichen Nachwuchs, fehlende Forschungsförderung in allen Bereichen. - Ja, das alles zu beheben kostet Geld. Alles zusammen sogar viel Geld - es ist aber nicht nur eine Frage des Geldes, sondern allzu oft auch der politischen Einstellung. Denn gewiss ist eines: Bei Bildung und Wissenschaft zu sparen, kommt längerfristig noch viel teurer!
Eine Finanzkrise lässt sich mit guter Politik unter Kontrolle bringen. Wenn sich zur Finanzkrise aber auch die Bildungskrise gesellen wird, dann wird es wirklich gefährlich!
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