Archiv der Kategorie Bildung

Lehrende Weis’ über die richtige Weis’ von Text

gewidmet all den TwitterantInnen, die Jelineks Text über den kleinen Niko formatieren halfen, für unlesbar oder als Bashing etc. erklärten.

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Hatten Sie lauter Sehr Gut im Volksschulzeugnis?

Ich habe mein altes Volksschulzeugnis der 4. Klasse angeschaut. Da waren nicht nur Einser, sondern auch zwei Zweier (in „Musikerziehung“ und in „Bildnerische Erziehung“). Im Semesterzeugnis brachte ich es sogar auf drei Zweier. Na und? Ist doch egal? (Schließlich habe ich später die Matura in Musik eh mit „Sehr Gut“ gemacht…) Heute wäre das nicht so egal. Heute darf ein Kind mit so einem Zeugnis damit zwar grundsätzlich in ein Gymnasium – aber nicht unbedingt in das Gymnasium seiner Wahl. Den Rest des Eintrags lesen »

Was ist eine Privatuniversität?

Nun, der Unterschied zwischen einer staatlichen und einer privaten Uni sei, dass die eine seitens der staatlichen Verwaltung eingerichtet wurde, die andere von irgendeiner privaten Instanz geführt werde – sollte man meinen. Natürlich wird man angesichts der Größe des Projektes, das eine Universität bzw. schon allein ihre Gründung darstellt, auch bei der privaten Führung schnell an größere Institutionen denken – vielleicht eine Religionsgemeinschaft oder irgendeine gemeinnützige Stiftung, die nicht ganz frei von ideologischem Interesse sein mag. Aber privat eben und nicht staatlich.

Private Unis haben mancherorts den Geruch von Elite und hoher Qualität zu allerdings auch hohen Preisen. Das mit der Qualität ist nicht immer so. Von einem südwesteuropäischem Land erzählt man, dass dort schlechte Privatuniversitäten die Funktion erfüllen, Sprößlingen betuchter Familien auch im Falle mangelnder Begabung gegen entsprechende Studiengebühren noch zu einem akademischen Titel zu verhelfen. Privat muss also nicht automatisch besser sein.

Aber generell bietet ein bunteres und reicheres Angebot an (auch privaten) Universitäten in einem Land die Chance auf eine Hebung des Niveaus, denn Konkurrenz spornt schließlich an.

 

Österreich hat zu wenige Studienplätze und würde mehr Universitäten gut vertragen – insbesondere auch mehrere kleine spezialisierte Unis zum Ausgleich des wahnsinnigen Massenbetriebes der staatlichen Universitäten. Daher wäre ich eigentlich der Meinung, wir könnten ruhig mehr Privatunis in diesem Land brauchen. Sogar, wenn man meint, dass solche Unis nicht allen offen stünden, würden sie eine Konkurrenz für bestehende Unis bringen, und natürlich neue Studienplätze. (Und obendrein muss man gar nicht die pessimistische Annahme hegen, dass private Unis nur für höhere Söhne und Töchter gutbetuchter Häuser wären, denn unter Umständen kümmern sich private Unis mehr darum, ihren Studierenden bei der Finanzierung auch zu helfen – durch Vermittlung von Stipendien oder Bekanntmachung von Kreditangeboten.)

Doch Österreich ist dabei, eine ganz neue Art von Privatuniversitäten zu etablieren:

 

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Kein Kommentar…

Sehr geehrte Damen und Herren von der ÖVP,

Ich ersuche um Verständnis, dass ich das sogenannte “Bildungskonzept”, das Sie vorgelegt haben, nicht bereit bin zu kommentieren. Den Rest des Eintrags lesen »

Deutsch lernen oder überhaupt was Lernen?

Die Wiener ÖVP ist anlässlich der Gemeinderatswahlen zum Leben erwacht und wünscht sich separate Vorschulklassen für Kinder, die mangelhafte Deutschkenntnisse aufweisen. Zur Vermittlung ihres Wunsches griff sie zu einem Plakattext, der leider die Regeln der deutschen Groß- und Kleinschreibung nicht einhielt. - Aber wer wird denn so kleinlich sein. Deutsch lernen sollen ja immer die anderen.

Dass es verfassungsrechtlich nicht gut möglich ist, Kinder wegen der Sprache vom Schulunterricht auszusperren, muss eine ÖVP nicht kümmern. Eine Partei, die Frau Fekter hervorgebracht hat, gibt sich nicht unbedingt mit so Luxusgegenständen wie Verfassung und Menschenrecht ab.

Ich war als Kind in einer Volksschule in einem “Arbeiterbezirk”, der Häuserblockweise aus Substandardwohnungen  bestand. Ein beträchtlicher Teil meiner SchulkollegInnen sprach Türkisch oder Serbokroatisch als Muttersprache. Und ich will es einmal laut und deutlich sagen: Ich hab in dieser Volksschule - dank einer guten Lehrerin und dank des Bewusstseins meiner Eltern, auf meine sprachliche Entwicklung zu achten - nicht nur gut sondern sogar sehr gut Deutsch gelernt.  So weit ich mich erinnere, scheinen auch gute Lehrbücher eine Rolle gespielt zu haben, in denen für neugierige Kinder wie mich, etwas mehr drinnen stand, als für die Volksschule unbedingt notwendig war. Im Gymnasium hab ich mich in den ersten Jahren im Deutschunterricht fadisiert, weil ausgerechnet ich, die aus dem Arbeiterbezirk mit den türkischen und jugoslawischen Nachbarn, die gar nicht in die noble Gesellschaft der Klasse passte, weit voran war. Es ist schon klar, dass es nicht immer so gut geht. Viele Faktoren spielen mit, und die Durchmischung der Klasse ist nur ein kleiner Teil davon.

Die SPÖ will uns glauben machen, es sei alles in Ordnung. Es gebe ja Förderstunden für Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache, 10 oder gar 11 Stunden pro Woche… Nein, nichts ist in Ordnung! Wer betroffene Eltern kennt, weiß: Diese Stunden existieren nur auf geduldigen Papieren. Kinder, denen 10 Stunden theoretisch zustehen würden, müssen froh sein, wenn sie zwei  Stunden kriegen. Müssen überhaupt froh sein, wenn sie in die Regelschule dürfen, und nicht gleich in eine Sonderschule gesteckt werden.

Ich unterrichte heute (im Rahmen des Religionsunterrichts) Kinder im Volksschulalter, darunter solche, deren Deutsch ohne Zweifel einwandfrei ist. Aber das gilt nicht für alle. Ich war als Pädagogin auch schon mit Jugendlichen konfrontiert, deren Fähigkeit, Texte sinnerfassend zu lesen, nicht über das Level von SMS und Facebook-Nachrichten hinausging. Und zwar nicht nur auf Deutsch, sondern in allen zwei bis drei Sprachen, welche diese Jugendlichen sprechen! Bekannt ist die Klage von Firmen, welche Lehrlinge ausbilden: Immer mehr BewerberInnen für eine Lehrstelle beherrschen einfache Schreibaufgaben nicht. Das österreichische Schulsystem offenbart erschreckende Versäumnisse.

Natürlich ist es extrem wichtig, darauf zu achten, dass Kindern nach Möglichkeit bereits vor Schuleintritt ausreichend Deutschkenntnisse erwerben. Dazu bedarf es geeigneter Programme im Kindergarten, wo Deutsch UND die Muttersprache gepflegt werden muss. Kindergarten? Nein, für die ÖVP geht das natürlich nicht, denn die will, dass die Mutter gefälligst zu Hause bleibe, anstatt das Kind in einen Kindergarten zu schicken. Das Kindergärten auch Orte des Lernens sind, hat sich noch nicht zu ihr herumgesprochen.

Bei näherer Betrachtung regt sich der ernste Verdacht, dass die ÖVP gar nicht will, dass zu viele Kinder und Jugendliche was lernen - sei es Deutsch oder gar eine höhere Schulbildung (wobei die Sprache die Basis für die höhere Bildung ist!). Denn dann, und nur dann, ergibt die Politik der ÖVP Sinn: Wenn nicht zu Viele in diesem Land eine Option auf gute Bildung bekommen sollen, dann ergibt es Sinn, Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen einfach von der Klasse auszugrenzen, damit sie schwerer - viel schwerer - je den Anschluss an die anderen finden, die bitte unter sich bleiben mögen. Dann ergibt selbstverständlich die Trennung von 10-jährigen in Hauptschulen und Gymnasien  Sinn. Und dann ergibt es auch Sinn, dass Ministerin Karl verkündet: keinen Ausbau von Fachhochschulen. Und ja, dann ergibt es auch Sinn, dass die österreichischen Universitäten am Zusammenbruch sind. Wer sich’s leisten kann, schickt die Kinder eh ins Ausland zum Studieren.

Nur wenn wir annehmen, dass die ÖVP gar nicht will, dass Alle in diesem Land eine ernstgemeinte Chance auf gute Bildung vorfinden, ergibt ihre Politik Sinn!

Das rote Schöngerede von angeblichen Förderungen, die nicht existieren, ist aber nicht weniger gefährlich als die schwarzen Anläufe zum Bildungsabbau! Wenn sich BEIDE nicht ändern, kann man je nach Belieben für die Zukunft dieses Landes  schwarz sehen oder auch vor Zorn rot werden.

Kindergärten in Wien: Sind manche Kinder gleicher?

Die SPÖ behauptet, dass ihr bei der Förderungspolitik für Kindergärten “jedes Kind gleich viel wert” sei. Tatsächlich?

Die Stadt Wien hat zu wenig Kinderkrippen- / Kindergartenplätze. Um den Platzmangel zu verwalten, wurde ein Vorrang für berufstätige Eltern eingeführt. Dies hat fatale Folgen für arbeitssuchende Eltern und deren Kinder. Denn kein Kindergartenplatz heißt allzu oft auch: keine Möglichkeit, einen angebotenen Job anzunehmen. Und da kein Job, bis auf weiteres kein Kindergartenplatz… Dabei wäre es  gerade angesichts prekärer Verhältnisse wie Arbeitslosigkeit umso dringender, dem Kind wenigstens zu seiner Kindergruppe zu verhelfen!

Manchmal kommt mir vor, “sozialdemokratische” (oder doch sozialistische?) Politik verwechselt Kindergärten mit Aufbewahrungsorten, an denen das Kind untergebracht wird, damit Mama arbeiten gehen kann. Natürlich besteht kein Zweifel an der Wichtigkeit von Kinderbetreuungsangeboten für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Echte Wahlfreiheit, sich um so oder so viele Arbeitsstunden Erwerbstätigkeit umzusehen, hat die Mutter eines Kleinkindes erst dann, wenn eine gute Kinderkrippe / ein guter Kindergarten tatsächlich da ist. Doch die Menge der Plätze allein macht noch keine ausreichende Kindergartenpädagogik. Österreich ist mit der Mini-Ausbildung “Kindergartenmatura” ein europäisches Schlusslicht in den Ausbildungsstandards der KindergartenpädagogInnen. Eine - tatsächlich ausgeschöpfte - Höchstzahl von 25 Kindern pro Gruppe wirkt auch nicht gerade qualitätsfördernd. Private Kindergärten, die sich weigern, so große Gruppen einzurichten (”Wir wollen keine Kindergaragen werden“) bekommen dann eben weniger Fördermittel. Und hier ist der nächste Schritt, wo manche Kinder (bzw. deren Eltern) gleicher sind als andere. Ist der private Kindergarten vielleicht besser (oder hat den Platz, den der städtische nicht hat), so können nur zahlungskräftige Eltern die Gelegenheit nützen. Den angeblichen “Gratiskindergarten” gibt es nicht für alle.

Nein, ich bin gar keine Verfechterin eines Gratiskindergartens für alle. Eltern, die es sich ohnehin leisten können, mögen ruhig einen Beitrag zahlen. Oft wird natürlich nur ein Teilbetrag als Selbstbehalt möglich sein. Und manche werden volle Förderung benötigen. Doch in jedem Fall will ich, dass das Kind der arbeitsuchenden Alleinerzieherin, das Kind der Supermarktkassierin mit Migrationshintergrund, das Kind des Universitätsprofessors und der Zahnärztin die gleiche Qualität an Kindergartenpädagogik vorfinden!

Davon sind wir in Wien ein großes Stück entfernt. Das Kind im öffentlichen Kindergarten wird zu 100% finanziert auch wenn die Mama Nationalratsabgeordnete ist, das Kind im privaten Kindergarten wird nur zum Teil gefördert, auch wenn vielleicht die Familie sich den Kindergarten vom Mund abspart - und somanches Kind kriegt einfach gar keinen Platz.

Die Diskussion um Vorrang für die berufstätigen Eltern, wie sie derzeit von SPÖVP und Grünen  geführt wird, geht am Kern des Problems vorbei: Es gibt keine zufriedenstellende Vorrangregel. Egal wieviel die Mutter “zu Hause” ist, das Kind braucht zu seiner eigenen Entwicklung den Platz in einer pädagogisch kompetent geführten Kindergruppe!

Dazu braucht es:

+ Mehr Kindergartenplätze (einschließlich Kinderkrippen!), sowohl im städtischen Angebot als auch im privaten Sektor. Da gesunder Wettbewerb bekanntlich Qualität fördert, sind für qualitätvolle (!) private Angebote entsprechende Anreize in Form von Förderungen gekoppelt mit Qualitätskriterien zu schaffen.

+  Eine bessere Ausbildung der KindergartenpädagogInnen auf europäisch üblichem Niveau (Bachelor-Abschluss). Solange der Bund dies nicht schafft, hindert übrigens niemand die Stadt Wien daran, in ihrer eigenen Ausbildungsstätte (”BAKIP” der Stadt Wien) zumindest ein Stück weit mit gutem Beispiel voranzugehen, und anstelle der “Kindergartenmatura” höherwertige Lehrgänge einzuführen. Dass spätestens dann auch die miserablen Gehälter der KindergartenpädagogInnen zu überdenken sind, liegt auf der Hand. Eine ausreichende Zahl gut qualifizierter KindergärtnerInnen wird man ohne vernünftige Bezahlung nicht bekommen.

+ Anstelle des Wahlkampfgags “Gratiskindergarten” könnten finanzschwache Eltern durch eine Art Kindergartenscheck gefördert werden, den sie im Kindergarten Ihrer Wahl (!) einlösen.

Ach ja, und wer soll das alles bezahlen? Nun, es wäre gar nicht so schwierig, würde die Stadt Wien nicht so gerne Millionen Euro in Projekten wie Skylink oder Prater-Vorplatz versinken lassen. Hören wir auf mit der teuren Freunderlwirtschaft bei städtischer Projektvergabe und wir haben flugs das Geld für eine Kindergartenoffensive und noch mehr!

Liegt “Bologna” in “Brüssel”?

“Bologna” war dieser Tage in aller Munde und in aller Zeitungen Kommentarspalten. Ein paar kleine Eindrücke vom Stand der Debatte:

- “Bologna” als Kennwort für die Umstellung auf ein Bachelor-System wurde zunehmend zum Inbegriff alles Schrecklichen, das sich an Unis findet. Da der ist-Zustand an österreichischen Unis tatsächlich furchterregend schrecklich ist, heißt das nun, dass “Bologna” schlichtweg ein feuerspeiendes StudentInnen-schluckendes Ungeheuer ist. So wie oftmals das Böse “aus Brüssel” kommt, so wurde “Bologna” zur Quelle aller Uni-Miseren. Das ist eine gefährliche Stimmung!

- Einige wenige sprechen es doch ungeniert aus: Nicht “Bologna”, sondern die katastrophale Umsetzung des neuen Systems in Österreich, ist die eigentliche Quelle der Katastrophen. Lehrpläne wurden unter dem Eindruck der Finanznot erstellt. Und ja, gewisse Pfründe da und dort wollten unbedingt gehalten werden. Das Ergebnis sind erstaunliche (freundlich ausgedrückt) Curricula, die nie und nimmer “Bologna” vorgeschrieben hat. Die Misere ist hausgemacht!

- Ein einfacher kleiner Schritt zur Linderung: Schafft bitte wenigstens schleunigst diese “Erweiterungscurricula” ab, und erstetzt sie durch freie Wahl bei Nebenfächern! Das würde allen ein Stück entgegen kommen (bürokratischer Aufwand könnte sinken, Studierende hätten mehr Freiraum, Ihr Studium mit sinnvollem Inhalt so zu füllen, wie es ihren Interessen entspricht.)

- Natürlich geht es um viel mehr. Die Unis platzen aus den Nähten. Nicht einfach wegen des “bösen” deutschen Ansturms - auch wegen des inländischen Ansturms. (Deutsche Numerus-Clausus-Flüchtlinge, die es sich leisten können, gehen übrigens an ganz andere Unis als nach Wien.) In jedem Fall wird es ohne mehr Geld nicht gehen - nicht nur wegen der Plätze, sondern insbesondere weil Qualität nicht ganz ohne Geld zu haben ist!

- Zugangsbeschränkungen sind noch so ein “Bologna”-Ungeheuer geworden. Dabei hat die Frage von Zugangsbeschränkungen gar nix mit einem Bachelor  zu tun. Man könnte sie so und so einführen. Was ich an der Debatte dringend vermisse ist die Frage: Zugang beschränken anhand welcher Kriterien? Es gibt da zwei völlig unterschiedliche Ansätze:

a) Man beschließt Plätze zu haben für (sagen wir irgendwelche “Hausnummern”) 2000 Mediziner, 300 Politikwissenschaftler,  100 Orientalisten, 1000 Psychologen … u.s.w. - weil man beschlossen hat, dass so viele davon einst gebraucht werden (oder es das ist, was die Uni schafft). Für so etwas gibt es einen Namen: Planwirtschaft. In diesem System werden die Leute, für die es Plätze gibt, genommen, egal wie gut sie sind. Wären mehr geeignete Anwärterinnen da - Pech, dann müssen welche hinausgeprüft werden, solange die Zahl erreicht ist (so wie z.B. Rektor Badelt das für die WU beschreibt). Sind eigentlich die Hälfte der Bewerberinnen ungeeignet - egal, solange es Plätze gibt, kommen sie schon rein.

b)  Man verlangt eine Eignung. Aufnahmsprüfungen sind bekanntlich heikel weil eine Momentaufnahme, die nur bedingt aussagekräftig ist. Alte Schulnoten heranzuziehen, würden jungen Menschen die Chance nehmen, es künftig besser zu machen. Jede/r muss die Option haben, ein verpatztes Schulzeugnis durch spätere Leistungen zu korrigieren. Komplexere Aufnahmeverfahren oder (ernstgemeinte!) Studieneingangsphasen können Sinn ergeben. Aber eines muss klar sein: Wenn dann viele sich als geeignet erweisen, kann die Uni immer noch ein Kapazitätsproblem haben! Verlange ich Eignung, muss ich damit rechnen, dass auch mal 1000 Geeignete mehr vor der Tür stehen, als Vater Staat Plätze an den Unis geschaffen hat.

Natürlich wird es in der Praxis immer eine Mischung aus beiden Ansätzen geben. Wenn man siebt, dann primär nach Qualität, aber die real existierenden Kapazitäten können kurzfristig nicht weggeleugnet werden. Ich habe aber die große, sehr große Befürchtung, dass diejenigen hohen Köpfe unseres politischen Establishments, welche über Zugangsbeschränkungen nachdenken, weit mehr zur Variante der “Planwirtschaft” tendieren. Nicht genug Platz an den Unis? Na dann müss ma vielleicht ja doch Zugänge beschränken… Mit Qualität hat das nicht zu tun! Mit Gerechtigkeit oder Fairness auch nicht.

Ministerinnen und Kommissarinnen

Neuerdings ist nicht nur Bildung weiblich, auch die Wissenschaft. Wie komm ich zu so seltsamer Behauptung?

Bildung, ja: Lehrerin auf Grundschul-Niveau zu sein, ist ein Frauenberuf. Unterrichtsministerinnen sind oft Frauen. Aber Wissenschaft? Wissenschaft ist bekanntlich männlich, wenn wir uns das Verhältnis von Professoren zu den paar Professorinnen anschauen. Keine Frage.

Doch neuerdings übernehmen Frauen Wissenschaftsressorts in der Politik. In Österreich bekamen wir gerade neben der Bildungsministerin auch eine Wissenschaftsministerin. Und in der EU ergibt ein Blick auf die designierte Kommission: Bildung und Kultur untersteht Frau Vassiliou aus Zypern, das Ressort Wissenschaft / Forschung / Innovation untersteht Frau Gheogegan-Quinn aus Irland. Die beiden Ressorts überschneiden sich im Universitätssektor, weshalb die beiden Damen viel werden zusammenarbeiten müssen, und auch bereits vor ihren Hearings informelle Kontakte zur Koordination der Ressorts hielten.

Ins Auge sticht der  Umgang mit den Ernennungen der KommissarInnen im Gegensatz zur Kür der hiesigen Regierungsmitglieder. KandidatInnen für die EU-Kommission unterziehen sich einem ausführlichen Hearing vor dem zuständigen Ausschuss des Parlaments. Öffentlich, und im Internet übertragen (nicht nur live, sondern auch zu späterer Zeit noch herunterladbar). Jeder und jede EU-Bürger/in kann sich die Hearings in voller Länge anschauen. Verdolmetschung in die gewünschte Landessprache selbstverständlich inklusive.

Nein, nicht jede/r hat Zeit, sich auch nur eine Mehrheit dieser zwei- bis dreistündigen Hearings anzusehen, oder gar das nötige Hintergrundwissen zu sammeln, um alle Details des Frage- und Antwort-Dschungels dieser Hearings zu verstehen. Zusammenfassungen liefert das EU-Parlament in der „Aktuelles“-Rubrik seiner Website, und eigentlich sollte man erwarten, dass hier eine Aufgabe für JournalistInnen vorliegt, über diese Hearings zu berichten. Dazu gibt’s nach so einem Hearing ja auch einen press-point. Aber die österreichische Medienlandschaft ist 15 Jahre nach dem EU-Beitritt immer noch zögerlich in EU-Berichterstattung. Gebracht wurde die neue Repräsentantin für Außenbeziehungen Catherine Ashton, weil sie eine besonders wichtige Position einnimmt. So weit so richtig. Weiters wurde über das Hearing von Johannes Hahn berichtet – weil der ist ja ein Österreicher. Soweit so legitim. Die bulgarische doch-nicht-Kommissarin wurde natürlich auch beachtet. Stimmt, wir wollen erfahren, wenn jemand das Hearing nicht besteht. Aber sonst? Das wars dann wieder? Hat denn der Kommissar aus Österreich das einzig wichtige Ressort, dass nur sein Hearing uns was anginge? Ist das ein Fussballspiel: „Unser“ Kandidat soll gewinnen, und wenn „wir“ nicht dabei sind, brauchen wir’s nicht beachten?

Irrtum. Die Kommissionsmitglieder sind für die ganze EU zuständig. Und die neue Wissenschaftskommissarin und ihre „Bildungs“-Kollegin interessieren mich daher nicht weniger als der Kommissar für Regionalpolitik.

 

Die neue Forschungs- und Wissenschaftskommissarin Maire Geoghegan-Quinn wurde immerhin in einem Artikel in der „Presse“ beachtet, und die “Wiener Zeitung” nannte brav alle Kandidaturen in einem Kurzportrait. Nun ist allerdings die Wiener Zeitung kein Medium, das Massen erreicht. Es wäre anderen österreichischen Medien gut angestanden auch draufzukommen, dass mit Geoghegan-Quinn ein wichtiges Ressort von einer Persönlichkeit übernommen wird, der man die große Aufgabe auch zutrauen mag. Notiz genommen hat die Wirtschaftskammer (gewiss liest man dort Presse und Wiener Zeitung), und freut sich zurecht darüber, dass die Bereiche Forschung und Innovation nun in einem Ressort zusammengelegt wurden. Dieser neue Schritt ist in der Tat wichtig.

Ein großes Thema im Hearing war die Beteiligung von Klein- und Mittelbetrieben am (derzeit 7.) EU-Rahmenprogramm für Forschung und Entwicklung, dem größten öffentlich finanzierten Forschungsprogramm der Welt. Noch sind (trotz bereits getätigter Verbesserungen) die calls des Rahmenprogramms so kompliziert und die Abläufe bis zur Bewilligung so langwierig, dass eine Teilnahme für kleine Betriebe ans Unmögliche grenzt. Es herrschte Konsens unter den ParlamentarierInnen und der designierten Kommissarin, dass sich die Möglichkeiten für KMUs deutlich verbessern müssen.

Eine wichtige Frage war auch der Anteil von Frauen in der Wissenschaft. (Hier scheint die Wirtschaftskammer nicht so genau zugehört zu haben.) Interessant fand ich den Hinweis der Kandidatin, dass in manchen Sektoren der Frauenanteil bereits deutlich besser ist als in anderen – von Erfahrungen der erfolgreichen habe man zu lernen. Und es gehe hier nicht einzig um Gleichstellung, sondern es gehe auch um den Verlust von Talenten, der durch den Ausschluss von Frauen entsteht, und den man sich nicht leisten könne. Wie wahr!

Zu ihrem persönlichen Arbeitsstil, der auf Kooperation setzt verbunden mit offensichtlicher Fähigkeit zur Standfestigkeit, bemerkte Geoghegan-Quinn in erfrischender Weise, dass sie sich als Politikerin sehe und nicht als eine Bürokratin oder Staatsdienerin („civil servant“). Das heißt, sie will bewegen, tatsächlich etwas umsetzen. Die Forschung und Innovation, welche die EU fördert, sei schließlich „am Ende des Tages“ in Arbeitsplätze umzuwandeln.

Ich fand das Hearing der Kandidatin Geoghan-Quinn erfrischend – überwiegend klare Antworten auf wichtige Fragen ließen die schwierige Materie von Forschungsrahmenprogramm, Mobilität für WissenschafterInnen, Beteiligung von Frauen u.v.m. gar nicht langweilig erscheinen. Natürlich konnte man im einen und anderen Fall im Gesicht eines Fragestellers sehen, dass er nun nicht ganz die erwünschte Antwort erhielt, und manch Phrase von Politjargon war in den zwei Stunden auch dabei, aber insgesamt erweckte das harte Frage-Antwort-Spiel den Eindruck dass sowohl die ParlamentarierInnen als auch die neue Kommissarin an echten Lösungen für die großen Aufgaben, welche das Ressort bietet, arbeiten wollen.

 

Ist man einmal Kommissar oder Kommissarin, soll das Herkunftsland aber auch die Partei, aus der man kommt, nicht mehr allzu relevant sein. Und so spart die Website des EU-Parlaments bei den Infos über die Kommissions-KandidatInnen mit Angaben der politischen „Farbe“. Sie muss man aus den Lebensläufen herauslesen. Geoghegan-Quinn machte den Anfang ihrer politischen Karriere in Irland in der „Fiana Fail“, einer einst national-konservativen Partei, die aber mittlerweile in die Fraktion der Liberalen im Europaparlament gewandert ist, und auch in der ELDR (der Vereinigung der europäischen Liberalen) dabei ist.

Auch die designierte Kommissarin für Bildung und Kultur kommt aus dem liberalen Lager. Ist Bildung nicht nur eine weibliche sondern auch eine liberale Domaine? Wenn ja, könnte dies eine Erklärung für die Schwäche der österreichischen Bildungs- und Wissenschaftspolitik sein? Es fehlt wohl hierzulande an einem starken liberalen Input im Bildungs- und Wissenschaftssektor!

 

Als Kommissarin für Bildung und Kultur (neuerdings gehört zum Ressort auch der Sport) wurde Androulla Vassiliou aus Zypern nominiert. Bevor sie eine eigenständige politische Karriere begann war sie einmal First Lady als Gattin eines Präsidenten von Zypern. - Ein gewisses Flair von Familienbanden scheint ja sowohl die irische als auch die griechische und griechisch-zypriotische Politik zu durchziehen, doch das schließt nicht aus, dass die Damen aus den Politiker-Häusern auch selbst Qualifikation mitbringen.

Vassiliou war bereits kurze Zeit als Kommissarin für Gesundheit tätig, ist also kein Neuling, Sie tritt ganz und gar nicht als so eine Powerfrau auf, wie Geoghegan-Quinn, eher erinnert ihr konservativ-elegantes Outfit an ihren einstigen Posten als First Lady, und ihr Ressort gilt als weniger bedeutend (weil die Kompetenzen der EU im Bildungswesen gering sind). Bei näherem Zuhören bemerkt man aber, dass man weder sie noch ihr Ressort darob unterschätzen muss. Immerhin sind die Austauschprogramme für Jugendliche in der EU ein sehr wichtiger Faktor interkultureller Bildung und ein wichtiger Baustein zur Herausbildung einer europäischen Identität. Auch hier ist Vereinfachung der Programme ein wichtiges Thema. Zurecht stellte die Kommissarsanwärterin im Hearing fest, dass die Vielfalt der EU-Programme verwirrend auf diejenigen wirken könnte, welche schließlich die NutznießerInnen sein sollen. Das soll künftig überschaubarer werden. Zu beachten seien alle Glieder der Kette von Schulzeit bis Berufsausbildung oder Graduierten-Studium, aber auch Erwachsenenbildung. Augenmerk verspricht Vassiliou auch der LehrerInnen-Mobilität zu widmen. Schließlich können Lehrkräfte ohne Auslandskenntniss keine ausreichenden Vorbilder für die SchülerInnen oder StudentInnen sein. Im Rahmen der Weiterbildung von PädagogInnen sei besonders auf Umgang mit neuen Technologien zu achten, denn was früher ein „Generationen-Gap“ war, finde heute im Zeitraum von fünf Jahren statt. Die Notwendigkeit, PädagogInnen Weiterbildung um Umgang mit neuen Technologien zu bieten, ist daher groß.

Ein Thema im Hearing war auch die soziale Integration durch Bildungsprogramme, wobei der Kandidatin nicht nur Kinder aus ärmeren Familien einfielen sondern ausdrücklich auch solche von ImmigrantInnen. Worte wo man sich wünschen würde, dass sich mehr davon auch nach Österreich herumspricht! Auch beim Thema der Vielsprachigkeit und der Förderung von Mehrsprachigkeit fühlt man sich als österreichische Zuseherin in einer anderen Welt: Da hat die Kommissarin doch tatsächlich ein Bewusstsein für die Bedeutung von Minderheitensprachen und auch „Respekt“ vor den „an die vierhundert“ (so ihre Schätzung) Sprachen, welche MigrantInnen in der EU sprechen. Und Mehrsprachigkeit sei bereits im Kindesalter zu fördern. Vielleicht sollte das eine oder andere österreichische Regierungsmitglied mal eine Exkursion zur EU versuchen?

 

Was tun wir derweil in Österreich? Eine neue Wissenschaftsministerin. Immerhin eine mit unstrittiger wissenschaftlicher Qualifikation. Als Expertin für Arbeits- und Sozialrecht könnte sie im Wissenschaftsministerium zwar Einarbeitungszeit brauchen, aber vielleicht hat sie als Expertin für Arbeitsrecht ja eine gute Hintergrundinformation über die Einkommens- und Arbeitsbedingungen von jungen WissenschaftlerInnen ebenso wie von Lebensunterhalt-verdienen-müssenden StudentInnen.

Konkrete Vorhaben? Inhaltliche Aussagen anlässlich ihres Arbeitsantritts? Eine Möglichkeit für die Öffentlichkeit, sich vor der definitiven Angelobung ein Bild zu machen? I wo! Hier doch nicht. Österreichischer Weg (laut den Berichten in den Zeitungen): Eine Woche vor Amtsantritt wird sie erstmals gefragt. Zwei Tage vor der Angelobung erfährt sie selbst, dass sie es wird. Nein, es ist ihr kein Vorwurf zu machen, dass sie unter diesen Bedingungen konkrete inhaltliche Auskünfte über ihre Vorhaben scheut. Wie sollte sie? Der Vorwurf ist einer Regierung und einem politischen Establishment zu machen, die solche Nominierungen durchziehen. Im Fall der neuen Wissenschaftsministerin scheint es ja immerhin gelungen zu sein, dass die ÖVP unter den Namen die gerüchteweise „gehandelt“ wurden, nicht die schlechteste Wahl getroffen hat. Wollen wir es hoffen, dass Frau ab-morgen-Ministerin Karl dem riesigen Berg an Problemen, der sich in ihrem Ressort aufgestaut hat, gewachsen sein wird. Aber dass bei solcher Art von Nominierungen (Zeit schinden, damit die Uni-Proteste abflauen und man in die Prüfungs- und Ferienzeit hineinkommt, Landtagswahlen berücksichtigen,…) auch unfähige Leute in Regierungsämter kommen können, liegt auf der Hand. Und solange die Regierungsämter entweder rot-schwarz oder schlimmstenfalls blau-schwarz vergeben werden, besteht auch keine Chance, dass sich an solchen Methoden was ändert. Gut, dass ein paar Kompetenzen auf EU-Ebene sind. Dort ist zwar nach wie vor der Ministerrat, der von eben so zustande kommenden Regierungen beschickt wird, die intransparente Dunkelkammer Europas. Aber wenigstens begleitet und kontrolliert von einem viel aktiveren Parlament das gewohnt ist, Antworten auf offene Fragen einzufordern!

 

Geöffnete und geschlossene Bibliotheken

Nach fast drei Wochen Jerusalem-Aufenthalt (wo es für die Jahreszeit überdurchschnittlich warm und sonnig war) kam ich wieder in Wien an, und hab mich noch nicht an den Schnee und die Kälte gewöhnt.

Ein großer Schreck war mir die Nachricht, dass in Wien die Uni einen Großteil ihrer Bibliotheken einfach über die Weihnachtsferien zusperrte - wegen der Schließung des Hauptgebäudes und des NIG. Aus Angst vor einer Handvoll DemonstrantInnen und einigen armen Obdachlosen sperrt man hierzulande Bibliotheken zu? Ich glaub da hat man im Rektorat etwas missverstanden! Studierende und BibliotheksbenützerInnen sind kein Sicherheitsrisiko!

Also will ich für mich froh und dankbar sein, dass es mir über die Ferien vergönnt war, in der Nationalbibliothek in Jerusalem und auch der Uni-Bibliothek der Hebräischen Universität Jerusalem (am Skopus-Berg) ganz ohne Schließtage 10 bis 11 Stunden pro Arbeitstag (4-5 Stunden an Freitagen) zu verbringen. Hat dem Stand meiner Dissertation gut getan.

Was aber machen arme StudentInnen in Wien, die nicht über die Ferien an bessere Orte der Wissenschaft fliehen können?

Vom Audi Max - wohin?

Vor wenigen Wochen hatte ich auf dieser Seite einen Kommentar zum Zustand der österreichischen Universitäten geschrieben. Dass wir in Kürze in diesem ruhigen streik- und demonstrationsarmen Österreich gleich mehr als zwei Wochen lebendiger Studentenproteste erleben können, hatte ich dabei nicht erwartet. - Obwohl ich zu Semesterbeginn an der Uni Wien live mitansehen konnte, wie die Lage am explodieren war. Aber wer wird denn ausgerechnet in Wien mit Großdemonstrationen rechnen? Vor ca. drei Jahren tobten Studentenproteste in Israel. Dort waren die Studierenden nicht zimperlich und sperrten die Unis gleich ganz zu, um wochenlang Hauptstraßen den Landes mit ihren Demonstrationen lahmzulegen. In Wien gab es damals auch eine Demonstration von Studierenden, zu durchaus ähnlichen Themen (Studiengebühren, Einsparungen im Lehrbetrieb…). Hier gingen halt ein paar ÖH-AktivistInnen mit ein paar Transparenten einmal über den Ring, das war’s dann wieder.

Diesmal ist alles anders. Und es ist nicht nur der Protest anders, sondern wir haben einen ernsten Einschnitt in der österreichischen Politik erlebt. Manche scheinen immer noch der Meinung zu sein, da seien halt ein paar linke Splittergrüppchen am Werk, und der ganze Spuk werde bald vorbei sein.

Doch auch wenn die „Besetzungen“ der Hörsäale gewiss bald zu einem Ende kommen werden, und die Regierung kurzfristig versuchen wird, das Problem „auszusitzen“, sind viele Neuerungen erkennbar. Eine Neuigkeit ist die über weite Strecken gemeinsame Front zwischen Lehrenden und Studierenden. Nach den ersten Schrecksekunden begann nicht nur der Mittelbau sondern begannen sogar Rektorate einen vorsichtigen Weg der kritischen Kooperation mit den Protestierenden. Immerhin wusste die Rektorenkonferenz ja schon früher als die betroffenen StudentInnen, dass ihr Budget für dieses Semester nicht reichen kann! Österreichischer Gehorsam und brave Parteigefolgschaft müssen irgendwann auch bei Rektoren und Uni-Räten an ihre Grenzen stoßen. (Hoppala, ich schreibe „Rektoren“, gibt’s auch Rektorinnen? Ich glaub eine?)

Für österreichische Verhältnisse sehr neu ist aber insbesondere die Form, in der sich junge Menschen hier organisieren:

  • Keine etablierte „Interessensvertretung“, auch keine politische Partei, die da „ihre“ Leute mobilisiert hätte. Sondern ein loses Netzwerk, von Menschen, denen die Geduld gerissen ist, und deren einzige Ressource neben ihrer eigenen Arbeits- und Denkkraft ein Internetanschluss ist. Es wurde schon viel darüber gebloggt, dass diese führungslose Netzwerkform sowohl Stärke als auch Schwäche der Bewegung ausmacht.

  • Das unscharfe Schweben und Schwanken der Forderungen – primärer Vorwurf an die Demonstrierenden, und zugleich typisch für so ein loses Netzwerk – birgt Risiko und Chance. Das Risiko, sich lächerlich zu machen, ist offensichtlich. Es kann aber auch eine Chance sein: Diese neue Form des Pendelns und Abänderns der jeweils für den Tag gültigen Meinung kann auch eine neue Form des öffentlich Diskurses sein, in dessen Rahmen ausgelotet wird, welche Positionen und Ideen auf dem Markt sind. Kann so ein Diskurs dazu führen, dass nach einer Phase des Pendelns und Suchens ein gemeinsamer Nenner gefunden wird? Oder muss man fürchten, dass kleine Grüppchen (die aus irgendeinem Grund schneller / besser organisiert/ mit dickeren Budgets ausgestattet sind) solche Netzwerke kapern? Wichtig wird sein, den freien Zugang für alle „Marktteilnehmer/innen“ der Meinungsbildung zu sichern. Einstweilen scheint man sich (nicht nur im Audi-Max, sondern generell in der facebook- und twitter-Welt) auf eine selbstkontrollierende Funktion des Systems zu verlassen. Das ist mutig! Vielleicht sogar übermütig?

  • Eines Tages wird es notwendig, die in einem sozialen Netzwerk schwebende Stimmung zu konkreten Forderungen und Maßnahmen zu kanalisieren. Das geht dann nicht ohne Köpfe an der Spitze, die auch mit Namen und als Person für das einstehen, was sie tun, und Verantwortung übernehmen. Zudem ist ja nicht alles, was getan werden muss, gleich geeignet, genug Emotionen für breite Netzwerke zu binden.

    Daher werden weder jetzt noch bei späteren Gelegenheiten die jungen Netzwerke die „alte“ Form der Politik völlig ablösen können. Aber eine Politik, der es nicht gelingt, sich in die neue Welt der Netzwerke zu integrieren, die wird sehr bald sehr alt aussehen. Eine Erkenntnis aus dem Audi Max lautet: Viele im österreichischen Establishment haben hier noch sehr dazuzulernen.

Für die Uni-Proteste zeichnet sich dieser Tage der Weg eines Volksbegehrens ab. Nix ist fix wurde gleich beschwichtigt. Mir erschiene ein Volksbegehren der sinnvollste Schritt, um aus dem engen Audi-Max wieder heraus zu finden. Ein großer Test – ob es der losen Bewegung gelingt, Forderungen so aufzustellen, dass eine BREITE Unterstützung möglich ist? Ein Volksbegehren einleiten heißt: führende Personen, Zeit und Geld aufzustellen. Ob sich falsche Freunde „draufsetzen“ werden? Ob es von links-außen-Grüppchen in Besitz genommen werden könnte – mit lächerlichen Forderungen, die niemand unterschreiben mag? Oder ob so schnell aus der ersten größeren Bewegung, die dieses Land seit Zwentendorf und Hainburg überhaupt sieht, gleich ein gut gemachtes, breites Volksbegehren erwachsen kann? Wenn letzteres nicht gelingt, kann es als Lernprozess für die junge Netzwerkwelt immer noch wichtig sein.

Und wenn das Volksbegehren ein Erfolg wird? Nein, nein, Volksbegehren bewirken im Parlament natürlich unmittelbar gar nix. Aber die öffentliche Aufmerksamkeit und das Ausmaß öffentlicher Debatte wären bei einem gelungenen Volksbegehren so groß, dass die etablierte Politik nicht länger das „Aussitzen“ spielen könnte. „Volksbegehren“ werden in Österreich üblicherweise von Parteien initiiert. Man stelle sich vor, ein echtes Volks-Begehren! Ja dürfen’s denn des? Und nebenbei hätte Strache ein Problem! Denn das wäre nicht sein „Volk“, das sich da artikuliert. Schon allein das sollte es wert sein!