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- 1.6.2010: Kranke Kassen
- 30.5.2010: KandidatInnen des Liberalen Forums zur Gemeinderatswahl
- 28.4.2010: Nach der Wahl ist vor der Wahl
- 20.4.2010: Fischer wählen!
- 1.4.2010: Kindergärten in Wien: Sind manche Kinder gleicher?
- 12.3.2010: Liegt "Bologna" in "Brüssel"?
- 5.3.2010: EU-Woche der nachhaltigen Energie - geht's uns was an?
- 1.3.2010: Wirtschaftskammer, Wahl und Werbung
- 10.2.2010: Farbenlehre in der Wirtschaftskammer
- 25.1.2010: Ministerinnen und Kommissarinnen
Andere Blogs und Links
Geöffnete und geschlossene Bibliotheken
10.1.2010 von ruth.
Nach fast drei Wochen Jerusalem-Aufenthalt (wo es für die Jahreszeit überdurchschnittlich warm und sonnig war) kam ich wieder in Wien an, und hab mich noch nicht an den Schnee und die Kälte gewöhnt.
Ein großer Schreck war mir die Nachricht, dass in Wien die Uni einen Großteil ihrer Bibliotheken einfach über die Weihnachtsferien zusperrte - wegen der Schließung des Hauptgebäudes und des NIG. Aus Angst vor einer Handvoll DemonstrantInnen und einigen armen Obdachlosen sperrt man hierzulande Bibliotheken zu? Ich glaub da hat man im Rektorat etwas missverstanden! Studierende und BibliotheksbenützerInnen sind kein Sicherheitsrisiko!
Also will ich für mich froh und dankbar sein, dass es mir über die Ferien vergönnt war, in der Nationalbibliothek in Jerusalem und auch der Uni-Bibliothek der Hebräischen Universität Jerusalem (am Skopus-Berg) ganz ohne Schließtage 10 bis 11 Stunden pro Arbeitstag (4-5 Stunden an Freitagen) zu verbringen. Hat dem Stand meiner Dissertation gut getan.
Was aber machen arme StudentInnen in Wien, die nicht über die Ferien an bessere Orte der Wissenschaft fliehen können?
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“Lissabon” ist da
1.12.2009 von ruth.
Seit heute ist der “Vertrag von Lissabon” in Kraft. Ein jahrelanges Ringen um so etwas wie eine demokratische Verfassung der EU mündet in einen Etappenerfolg. Geärgert hat mich die Qualität der Berichterstattung in österreichischen Medien. So zu tun, als wäre das einzig Interessante am neuen EU-Vertrag, dass es nun einen Ratspräsidenten gibt, ist eine Themenverfehlung. Doch so las es sich in einer Meldung, die von den SN bis zum Standard brav und zahlreich übernommen wurde. Warum übernehmen Redaktionen, die es selbst besser wissen könnten, einfach schlechte apa-Meldungen? Nur aus Zeitdruck?
Mir scheint, der wichtigste Fortschritt unter all den vielen Errungenschaften ist die Unterstellung des Bereichs Justiz und Innere Sicherheit unter die Mitwirkung des EU-Parlaments. Das Herausholen dieser sensiblen Sphäre aus der Undurchsichtigkeit der Ministerämter in die Öffentlichkeit des Parlamentes ist ein ganz wesentlicher Wandel! Wir konnten soeben beobachten, dass es da tatsächlich um viel geht: Nicht zufällig bemühten sich die Innenminister/innen, ihre höchst umstrittene Datenaustausch-Regelung mit den USA (”Swift-Abkommen”) noch schnell im letzten Moment VOR Inkrafttreten des neuen Vertrages durchzubringen. Alle wussten, dass das Parlament hier ein Hindernis gewesen wäre. Also sollte der Beschluss noch schnell ohne diese gewählten Parlamentarierer/innen und ihre unbequemen Vorstellungen von Datenschutz gelingen. Er gelang auch, und er ist schlicht ein Skandal. Das ist schlimm genug, aber die gute Nachricht lautet: Mit heutigem Tag wäre so etwas in dieser Form nicht mehr möglich. Aus ist es mit der Zeit, in der die Bürokratien der Polizeien sich auf EU-Ebene ihre eigenen Gesetze selbst machten. Ab heute muss es durchs Parlament und das heißt vor allem: rechtzeitige Sichtbarmachung bevor es zu Beschlüssen kommt. Öffentliche Sichtbarkeit von Gesetzesvorhaben ist immerhin eine Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie.
Leicht errungen war das alles nicht. Neun Jahre bemisst man heute die Zeit des Ringens um einen Verfassungsentwurf, aus dem letztlich “Lissabon” wurde. Und da ist in diesen neuen Jahren die Vorlaufzeit, in der das Thema überhaupt erst hochgebracht werden musste, gar nicht dazugerechnet.
Es war keine Initiative “von unten”. - Dies wurde auch zum größten Fallstrick des Projektes. Es war eher eine Initiative gebildeter Eliten - an Universitäten, in Parlamenten, in think-tanks etc. Eliten, die sahen, dass die EU mit ihren Demokratie-Mängeln so nicht weiter machen konnte. Die Verbreitung der Idee gelang zunächst trotz aller Bemühungen auch nur begrenzt. Volksabstimmungen wurden zu Zitterpartien, und gingen auch mal schief. “Das Volk” sollte zwar eingebunden werden, doch zum Teil gelang die Einbindung erst zu spät - und ich bin gar nicht sicher, ob sie überhaupt schon weit genug gelungen ist.
Gewiss wurde ein echter breiter Diskurs in der Bevölkerung zum Teil von jenen gebremst, die Macht zu verlieren hatten. Neben den Regierungen und Ministerbüros - deren Mangel an Begeisterung, ihre eigene Macht aufzugeben, gut verstanden werden kann - zeigten und zeigen sich auch nationale Medien spröde und unwillig. War die Berichterstattung des ORF über den ganzen Verfassungsdiskurs (so sie überhaupt stattgefunden hat) nicht haarsträubend schlecht? Was hätte so ein nationaler Sender denn wirklich zu verlieren, wenn er anfinge mehr über den heimischen Tellerrand hinaus zu schauen? Boulevardblätter haben allerdings sehr wohl etwas zu verlieren. Ein bekanntes Kleinformat kann eine österreichische Regierung immer noch unter Druck bringen, hat jedoch vor einem EU-Parlament nichts zu vermelden. Soweit war der Widerstand aus der Ecke des Kleinformats und seiner zahlreichen Geschwister in anderen EU-Ländern ganz logisch.
Umso mehr ist jenen zu danken, die hartnäckig nicht Tage oder Wochen, nicht Monate sondern Jahre ihres Lebenslaufes damit verbrachten, um das Projekt zu ringen: zuerst für die Etablierung des “Verfassungskonvents”, dann für ein möglichst tragfähiges Ergebnis des Konvents, für möglichst gute Öffentlichkeit des Konvents, dann für einen neuen Anlauf, für möglichst breite öffentliche Debatten, …
Hartnäckige und von der Idee europäischer Demokratie einfach nicht abbringbare Mitglieder des EP wie Johannes Voggenhuber, Andrew Duff (ALDE) und eine ganze Reihe Anderer haben enorme Energien aufgewendet, um möglich zu machen, dass nun EU-BürgerInnen Volksbegehren einleiten können, und wir solche ParlamentarierInnen ins EU-Parlament wählen, die tatsächlich auch die kritischsten Felder der EU-Politik mitkontrollieren. Es ist zu hoffen, dass ihnen allen heute auch laut genug “danke” für ihren unermüdlichen Einsatz gesagt wird.
Nein, das alles wird nicht genügen. Eine bessere Struktur allein macht noch keine Politik. Vom Klimaschutz bis zur Finanzkrise, von der verfehlten EU-Agrarförderung bis zur nächsten Datenschutzfrage warten die neuen Möglichkeiten der Parlamente (auch die neuen Mitbestimmungsmöglichkeiten der nationalen Parlamente!) auf fähige PolitikerInnen, die sich aufrichtig um gute Entscheidungen bemühen. Das Europaparlament ist ja bislang berühmt dafür, dass es eine hohe Diskussionskultur hat und auch fraktionsübergreifend um echte Lösungen debattieren kann. Aber gerade die letzten EU-Wahlen haben mit ihren Zugewinnen von rechts-außen Nationalisten sowie links-außen “EU-Gegnern”gezeigt, dass auch weniger konstruktive Kräfe ihre Chancen wittern. Mehr Verantwortung für das Parlament braucht jetzt erst recht gut arbeitende ParlamentarierInnen. Und ich kann nicht verhehlen, dass ich bei den letzten EU-Wahlen große Mühe hatte, auf dem Stimmzettel wen zu finden, dem ich mein Vertrauen geben wollte.
Obendrein ist klar, dass “Lissabon” nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Ja, der Vertrag ist unübersichtlich, für Laien schlecht lesbar. Und ja, das behindert eine Identifikation der Menschen mit “ihrem” Parlament. Und ja, das Dickicht des undurchsichtigen Vertragswerks ist ein gefundenes Fressen für jene “EU-Kritiker” die unter dem Titel der Kritik freie Phantasien verbreiten, was da Böses in jenem Vertragswerk (angeblich) stehe. Ich würde mit der Sorge zwar nicht übertreiben: Irgendein österreichisches Verfassungsgesetz kann für Laien genauso unlesbar sein, und wir leben eigentlich ganz gut damit. Trotzdem braucht es eine Weiterentwicklung. Der nächste Vertrag muss verständlicher und ansprechender sein - und insbesondere muss er von vornherein auf einem breiteren Bewusstsein in der Bevölkerung aufbauen.
Es darf also weitergearbeitet werden am Projekt “europäische Verfassung”.
Und übrigens: Wenn wir demnächst so nette Bezirksratswahlen in Wien haben, dann will ich gerne und laut darauf hinweisen, dass so ein Bezirksrat in einem Wiener Gemeindebezirk betreffend Transparenz und demokratischer Kultur weit hinter den Standards zurückbleibt, welche das EU-Parlament ganz selbstverständlich längst erfüllt!
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Nein, ich habe keine Lust, etwas über Minarette in der Schweiz zu schreiben…
1.12.2009 von ruth.
Dumm ist es, einfach dumm. Nein, nicht die Menschen, die abgestimmt haben sind dumm, das wurde zwar jetzt in manchen Kommentaren so gesagt, aber diese Behauptung ist Unfug. Nicht jeder, der mal eine dumme Entscheidung trifft, ist per se ein Dummkopf! Unter jenen 57% der abstimmenden Schweizerinnen und Schweizer mögen jede Menge intelligente Köpfe sein. Aber diese konkrete Entscheidung, Moscheen lieber ohne als mit Minarette zu wollen, ist eine dumme Entscheidung.
Denn gerade diejenigen, welche Wert auf schöne, auch nach außen attraktive Gebetshäuser legen (egal welcher Konfession), sind genau die Assimilierteren! Will man die sogenannten “Fundamentalisten” behindern, sollte man lieber dafür sorgen, jene Grüppchen, die wirklich beängstigend sind, aus dem Schatten der Hinterzimmer in möglichst helles Tageslicht zu befördern!
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Vom Audi Max - wohin?
8.11.2009 von ruth.
Vor wenigen Wochen hatte ich auf dieser Seite einen Kommentar zum Zustand der österreichischen Universitäten geschrieben. Dass wir in Kürze in diesem ruhigen streik- und demonstrationsarmen Österreich gleich mehr als zwei Wochen lebendiger Studentenproteste erleben können, hatte ich dabei nicht erwartet. - Obwohl ich zu Semesterbeginn an der Uni Wien live mitansehen konnte, wie die Lage am explodieren war. Aber wer wird denn ausgerechnet in Wien mit Großdemonstrationen rechnen? Vor ca. drei Jahren tobten Studentenproteste in Israel. Dort waren die Studierenden nicht zimperlich und sperrten die Unis gleich ganz zu, um wochenlang Hauptstraßen den Landes mit ihren Demonstrationen lahmzulegen. In Wien gab es damals auch eine Demonstration von Studierenden, zu durchaus ähnlichen Themen (Studiengebühren, Einsparungen im Lehrbetrieb…). Hier gingen halt ein paar ÖH-AktivistInnen mit ein paar Transparenten einmal über den Ring, das war’s dann wieder.
Diesmal ist alles anders. Und es ist nicht nur der Protest anders, sondern wir haben einen ernsten Einschnitt in der österreichischen Politik erlebt. Manche scheinen immer noch der Meinung zu sein, da seien halt ein paar linke Splittergrüppchen am Werk, und der ganze Spuk werde bald vorbei sein.
Doch auch wenn die „Besetzungen“ der Hörsäale gewiss bald zu einem Ende kommen werden, und die Regierung kurzfristig versuchen wird, das Problem „auszusitzen“, sind viele Neuerungen erkennbar. Eine Neuigkeit ist die über weite Strecken gemeinsame Front zwischen Lehrenden und Studierenden. Nach den ersten Schrecksekunden begann nicht nur der Mittelbau sondern begannen sogar Rektorate einen vorsichtigen Weg der kritischen Kooperation mit den Protestierenden. Immerhin wusste die Rektorenkonferenz ja schon früher als die betroffenen StudentInnen, dass ihr Budget für dieses Semester nicht reichen kann! Österreichischer Gehorsam und brave Parteigefolgschaft müssen irgendwann auch bei Rektoren und Uni-Räten an ihre Grenzen stoßen. (Hoppala, ich schreibe „Rektoren“, gibt’s auch Rektorinnen? Ich glaub eine?)
Für österreichische Verhältnisse sehr neu ist aber insbesondere die Form, in der sich junge Menschen hier organisieren:
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Keine etablierte „Interessensvertretung“, auch keine politische Partei, die da „ihre“ Leute mobilisiert hätte. Sondern ein loses Netzwerk, von Menschen, denen die Geduld gerissen ist, und deren einzige Ressource neben ihrer eigenen Arbeits- und Denkkraft ein Internetanschluss ist. Es wurde schon viel darüber gebloggt, dass diese führungslose Netzwerkform sowohl Stärke als auch Schwäche der Bewegung ausmacht.
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Das unscharfe Schweben und Schwanken der Forderungen – primärer Vorwurf an die Demonstrierenden, und zugleich typisch für so ein loses Netzwerk – birgt Risiko und Chance. Das Risiko, sich lächerlich zu machen, ist offensichtlich. Es kann aber auch eine Chance sein: Diese neue Form des Pendelns und Abänderns der jeweils für den Tag gültigen Meinung kann auch eine neue Form des öffentlich Diskurses sein, in dessen Rahmen ausgelotet wird, welche Positionen und Ideen auf dem Markt sind. Kann so ein Diskurs dazu führen, dass nach einer Phase des Pendelns und Suchens ein gemeinsamer Nenner gefunden wird? Oder muss man fürchten, dass kleine Grüppchen (die aus irgendeinem Grund schneller / besser organisiert/ mit dickeren Budgets ausgestattet sind) solche Netzwerke kapern? Wichtig wird sein, den freien Zugang für alle „Marktteilnehmer/innen“ der Meinungsbildung zu sichern. Einstweilen scheint man sich (nicht nur im Audi-Max, sondern generell in der facebook- und twitter-Welt) auf eine selbstkontrollierende Funktion des Systems zu verlassen. Das ist mutig! Vielleicht sogar übermütig?
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Eines Tages wird es notwendig, die in einem sozialen Netzwerk schwebende Stimmung zu konkreten Forderungen und Maßnahmen zu kanalisieren. Das geht dann nicht ohne Köpfe an der Spitze, die auch mit Namen und als Person für das einstehen, was sie tun, und Verantwortung übernehmen. Zudem ist ja nicht alles, was getan werden muss, gleich geeignet, genug Emotionen für breite Netzwerke zu binden.
Daher werden weder jetzt noch bei späteren Gelegenheiten die jungen Netzwerke die „alte“ Form der Politik völlig ablösen können. Aber eine Politik, der es nicht gelingt, sich in die neue Welt der Netzwerke zu integrieren, die wird sehr bald sehr alt aussehen. Eine Erkenntnis aus dem Audi Max lautet: Viele im österreichischen Establishment haben hier noch sehr dazuzulernen.
Für die Uni-Proteste zeichnet sich dieser Tage der Weg eines Volksbegehrens ab. Nix ist fix wurde gleich beschwichtigt. Mir erschiene ein Volksbegehren der sinnvollste Schritt, um aus dem engen Audi-Max wieder heraus zu finden. Ein großer Test – ob es der losen Bewegung gelingt, Forderungen so aufzustellen, dass eine BREITE Unterstützung möglich ist? Ein Volksbegehren einleiten heißt: führende Personen, Zeit und Geld aufzustellen. Ob sich falsche Freunde „draufsetzen“ werden? Ob es von links-außen-Grüppchen in Besitz genommen werden könnte – mit lächerlichen Forderungen, die niemand unterschreiben mag? Oder ob so schnell aus der ersten größeren Bewegung, die dieses Land seit Zwentendorf und Hainburg überhaupt sieht, gleich ein gut gemachtes, breites Volksbegehren erwachsen kann? Wenn letzteres nicht gelingt, kann es als Lernprozess für die junge Netzwerkwelt immer noch wichtig sein.
Und wenn das Volksbegehren ein Erfolg wird? Nein, nein, Volksbegehren bewirken im Parlament natürlich unmittelbar gar nix. Aber die öffentliche Aufmerksamkeit und das Ausmaß öffentlicher Debatte wären bei einem gelungenen Volksbegehren so groß, dass die etablierte Politik nicht länger das „Aussitzen“ spielen könnte. „Volksbegehren“ werden in Österreich üblicherweise von Parteien initiiert. Man stelle sich vor, ein echtes Volks-Begehren! Ja dürfen’s denn des? Und nebenbei hätte Strache ein Problem! Denn das wäre nicht sein „Volk“, das sich da artikuliert. Schon allein das sollte es wert sein!
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Vom Spiel “der Bund ist schuld”
23.10.2009 von ruth.
Ein eigenes Staatssekretariat für Integration wird von verschiedenen Seiten öfter gefordert. Die Forderung ist vernünftig, wenngleich unbedingt anzumerken ist, dass ein eigenes Ressort mit eigenem Etikett noch lange keine bessere Politik garantiert. Ein solches Ressort müsste dann auch mit dem Leben einer tatsächlich durchdachten Integrationspolitik erfüllt werden. Wahrscheinlich ist dies auch der wahre Grund für den Widerstand, den es dagegen gibt. In einem eigenen Integrations-Staatsekretariat würden die enormen Defizite der heimischen (nicht-)Integrationspolitik nur noch offenbarer werden.
Neulich aber kam die Forderung von ungewohnter Seite, nämlich von Wiens Bürgermeister persönlich. Unter hohen SP-Granden forderte also der eine vom andern, dass Integration als eigenes Ressort an den Kabinettstisch der Regierung gehöre. Der Applaus war groß, von der Caritas bis zum seltenen Fall eines Österreich-relevanten Beitrages auf dem Titelblatt der ZEIT reichten die Komplimente an die doch-so-richtige Forderung des Wiener Bürgermeisters. - Die Forderung war dann auch wieder schnell vom Tisch, da die Bundesregierung unverzüglich klarstellte, das werde es nicht geben. Für das schnelle Nachgeben wurde Bürgermeister Häupl im zitierten Beitrag der Zeit auch kritisiert. Eine Frage jedoch, geht mir ab, die erstaunlicherweise nicht an das Wiener Rathaus gestellt wird:
Die Frage sollte lauten: Und wie steht es um den Wert des Integrations-Ressorts, in der Wiener Stadtregierung???
Die Stadt Wien tut nämlich selbst grad das nicht, was der Bürgermeister klug aber ebenso bequem vom Bund forderte. In Wien ist “Integration” in jenem bunten Misch-Ressort geparkt, das offensichtlich alles aufnahm, was übrig blieb, nachdem die großen Brocken in der Stadtregierung verteilt waren. Dort muss sich Integrationspolitik ihren Platz mit Konsumentenschutz, Personalagenden der Stadt Wien und auch Frauenfragen teilen. Frauenpolitik und Integrationspolitik mögen ja gut zusammenpassen, da es in beiden Bereichen um Teilhabe und Chancengleichheit geht und die Koordinationsaufgaben mit anderen Ressorts (wie Bildung) ähnlich gelagert sind. Was aber hat “Konsumentenschutz” mit”Integration” zu tun? Nichts, außer, dass beides halt irgendwo untergebracht werden musste.
Somit sind wir schlicht und einfach bei einem sehr altbekannten Spiel der Rathaus-SPÖ angekommen, das da lautet: “Der Bund ist schuld”. Zu allem, was zu tun wäre, sagt das Wiener Ratshaus: Ja, man sollte, wir täten ja, aber der Bund… - Selbstverständlich hat die Bundesregierung zum gleichen Zweck die EU. Dummerweise endet dann die Kette derer, von denen man fordern könnte, ohne selbst zu tun.
Liebe Rathausregierung: So wird es nicht funktionieren. Gerade Wien muss auch selbst seinen Anteil zur Integrationspolitik leisten. Es mag ja nicht um den Titel des Ressorts am Türschild gehen. Aber existieren sollte eine Integrationspolitik in Wien in durchdachter und erkennbarer Weise! Das tut sie derzeit nicht.
Und das jahrzehnte alte Spiel “der Bund ist schuld” ist schon recht fad, und wird von den Wählerinnen und Wählern gewiss längst durchschaut.
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Ein Erwachen für österreichische Unis?
21.10.2009 von ruth.
Ich habe gezögert, in die allgemeine Kommentarflut über die Zustände an österreichischen (insbesondere Wiens) Unis einzusteigen. Zu sehr ist das Thema zu Semesterbeginn eine Mode. Und wer glaubt dem Wissenschaftsminister schon seine (Aus-)Reden? Lohnt es sich also, sie zu kommentieren? Ein paar Anmerkungen will ich versuchen, weil mir scheint, dass etwas in der Debatte zu kurz kommt.
Indirekt hat der Herr Minister eingestanden, dass die Studiengebühren Leute vom Studieren abhielten (was die ÖVP stets leugnete!) als er meinte, die überfüllten Hörsäale seien deshalb, weil nun keine Studiengebühren mehr anfielen. Wären tatsächlich nur die “Karteileichen” von der Budgetsanierungsaktion “Studiengebühren” betroffen gewesen (wie die ÖVP zu behaupten pflegte), so dürfte deren nunmehrige Rückkehr in die Karteien ja keinen Platz im Hörsaal beanspruchen! Doch die Platzfrage ist nur ein Teil des Problems. Und zwar Teil eines Problems, das älter ist.
Vorweg, worüber Einigkeit herrscht:
+ Die Lage an den hiesigen Unis ist schlimm.
+ Schuld daran ist nicht der Bachelor. Schuld daran sind auch nicht die “abgeschafften” (tatsächlich nicht völlig abgeschafften!) Studiengebühren.
+ Bessere Unis würden Geld kosten. Wenn überhaupt Studiengebühren, dann so, dass sie a) den Unis was bringen und b) ein funktionierendes Stipendiensystem dafür sorgt, dass alle, die bedürftig sind, tatsächlich genug bekommen, um studieren zu können. Von letzterem ist Österreich weit entfernt.
Die Einigkeit endet bei der Frage der Finanzen. Soll ein besseres Studiengebühren-System kommen (höhere Beiträge, aber mitsamt den dazugehörenden sozialen Ausgleichsmaßnahmen) oder ist der “freie Hochschulzugang” in Österreich einfach sakrosankt? (Könnte die linke Reichshälfte dieser Republik überhaupt in der Lage sein, etwas abzuschaffen, das ausgerechnet Kreisky eingeführt hat?) Bei manchen Postings der letzten Wochen zum Thema Studiengebühren hatte man den Eindruck, es gehe um Glaubensbekenntnisse. Also will ich ein bisschen Ketzerei in beide Richtungen versuchen:
Unis brauchen Geld. Was hieße ein ernstzunehmendes Studiengebührensystem mitsamt ausreichend Stipendien? Nehmen wir an, es würde gut funktionieren. Teure Unis würden ihre Beiträge kassieren und wer das Geld nicht hat, dem/der wird geholfen. Einwand Nr. 1: Als gelernte Österreicherin muss ich massive Zweifel daran hegen, dass es funktioniert. Studiengebühren, die nicht irgendwo im Budget versinken sondern tatsächlich an die Uni gelangen? Schön wär’s! Wichtiger ist mir Einwand Nr. 2: Nehmen wir tatsächlich an, es würde funktionieren. Täte das umfangreiche Unterstützungssystem, das hier notwendig wäre, am Ende ebenso viel kosten, wie wenn man gleich keine Gebühren einheben täte? - Sondern das entsprechende Geld einfach direkt den Unis gäbe? Gewiss wäre es ungerecht, dass dann ein paar Reiche auch gratis studieren können. Aber vielleicht wäre diese (durchaus ertragbare) Ungerechtigkeit für das Staatsbudget harmloser als der riesige Apparat eines adequaten Stipendiensystems?
Und die Heiligkeit des “freien Hochschulzugangs” in Österreich? Ja, ich bin eine derer, die nicht studiert hätten, wären da schon zu Beginn meines Studiums Studiengebühren gewesen! Aber heißt das nun, dass in Österreich immer alle so gut studieren konnten? Seien wir ehrlich: Nein.
Der freie Hochschulzugang, wie er sich darstellte, als meine Jahrgänge die Maturaklassen verließen, hieß, dass alle inskribieren durften. Er hieß auch damals NICHT, dass alle die da kommen, ihr Studium auch abschließen sollen! Sitzplätze auf den Stufen des Hörsaals und Stehplätze vor der Tür des Hörsaals gab es auch in den 80er-Jahren. Knock-out-Prüfungen, mit denen überlaufene Institute zu sieben versuchten, gab es auch. Dass manche Lehrende froh waren, wenn einige der Studienwilligen spätestens nach den Weihnachtsferien nicht mehr kommen, war ebenso spürbar wie heute. Ein Studium inskribieren hieß noch lange nicht, es abzuschließen. Und wenn überhaupt, dann konnte der Abschluss fast beliebig lang dauern. Da es bei weitem kein ausreichendes Stipendiensystem gab, musste der Abschluss neben Berufstätigkeit oft auch lang dauern. Das österreichische Modell des Langzeitstudiums (sei es aufgrund ökonomischer Zwänge oder aufgrund eigenen Leichtsinns) ist ein Phänomen dass in vielen anderen Ländern nicht verstanden wird. Wie kann man 10 Jahre für einen Magister studieren? In Wien kein Problem. Mittlerweile erkannte die österreichische Politik ein Problem darin und versucht Maßnahmen - kurzsichtige, unüberlegte Hüftschüsse von sinnleeren Fristen, mehr kontraproduktiv als hilfreich. So geht’s auch nicht.
Durften im vermeintlichen Paradies des freien Hochschulzuganges der SPÖ-Ära wirklich alle inskribieren? Na, Matura war schon Voraussetzung (Studienberechtigungsprüfung von HauptschulabsolventInnen natürlich selten). Das Schulsystem sorgte schon dafür, dass nicht zu viele dorthin kamen.
Und die Qualität? Waren denn hiesige Unis in den 70er, 80er-Jahren so gute Unis? Erreichten sie international ernstzunehmende Standards? Nein. Nur hat das damals nicht gestört. Solange Österreich sich in einer stillen Falte des Eisernen Vorhangs verbarg, ausgestattet mit schöner Landschaft sowie einer Legende, dass Beethoven ein Österreicher und Österreich nur das erste Opfer Nazi-Deutschlands gewesen sei, solange war auch kein Bedarf an internationalen Standards auf hiesigen Unis. Schließlich konnten sie sich in Stille und rot-schwarzer Farbaufteilung selbst reproduzieren. Wenn man denn ein Studium abschloss (und nicht danach einen Job in einem Ministerium einnahm), begann man an der gleichen Uni zu unterrichten, publizierte in deutscher Sprache, habilitierte sich am selben Ort - und gab dasselbe an die nächste Runde weiter. Erinnern wir uns nicht mehr an die Klagen über Professoren, die nach ihrer Habil nichts mehr publizierten? Manche von ihnen waren vor wenigen Jahren noch aktiv. Gewiss gab es beeindruckende Ausnahmen, aber das allgemeine System genügte sich selbst. Die rote Errungenschaft bestand einzig darin, dass solche Arbeiterkinder, welche es zur Matura gebracht hatten, an jenem System auch ein Stück des Kuchens erwerben konnten.
Nein, ich will nicht zurück zu den gepriesenen frei zugänglichen Unis der sozialistischen / sozialdemokratischen Ära! Es wäre auch gar nicht möglich. Denn die Falte des Eisernen Vorhangs, die Österreich vor der großen weiten Welt da draußen beschützt hat, existiert nicht mehr. Schon seit einer Weile reiben sich unsanft erwachte Unis die Augen ob des grellen Lichts das da hereinscheint und ungewohnte Qualitätsansprüche stellt! Manche können damit noch nicht umgehen. Vereinzelt leisten tapfere Lehrende stille Heldentaten indem sie trotz sehr schlechter Bedingungen sehr guten Unterricht zustandebringen. Sie sind nicht in der Mehrheit.
Unsere Unis sind in mehrfacher Hinsicht in prekärer Lage. Kein Geld, und gleichzeitig sollen sie lernen, an Standards aufzuschließen, die ihnen früher niemand zugemutet hat! - Es geht bei weitem nicht nur um Studiengebühren. Der Geldmangel im Bildungssektor und die Verteilungskonflikte um die Kosten sind ein internationales Phänomen. Das spezifisch österreichische ist, dass hier gleichzeitig ungewohnte neue Standards wissenschaflticher Arbeit erkannt und umgesetzt werden sollten.
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Wie weit weg ist Irland?
25.9.2009 von ruth.
In Oberösterreich ist Wahlkampf - ein Wahlkampf, der z.T. mit recht schmutzigen Methoden (wie dem “Ausländeranteil”-Flugblatt der ÖVP) geführt wird, was die überregionale Aufmerksamkeit steigert. Die Sorge, dass es ähnlich wie in Vorarlberg eine erstarkende FPÖ geben wird, ist berechtigt. Auch in Deutschland ist Wahlkampf. Zwar wird dort der Wahlkampf selbst als “langweilig”, der erwartete Ausgang jedoch als “spannend” eingestuft. Zweifelsohne ist die Frage eines möglichen Richtungswechsels (schwarz-gelb, oder noch einmal die starre große Koalition, die möglicherweise die Tür für späteres rot-rot-grün öffnen würde), auch aus österreichischer Sicht von Interesse. Soweit hat es auch seine Richtigkeit, dass hier der deutsche Wahlkampf Aufmerksamkeit erfährt.
Trotzdem ist schwer zu fassen, dass hinter all den Wahlkampf-Berichterstattungen mit ihren lustigen und schon-nicht-mehr-lustigen Blüten (”deutsche Grüne tötet Fisch”, “Ausländeranteil in Wohnviertel des Politikers X in Linz”, …) ein viel größeres Thema völlig untergeht: Am 2. Oktober stimmt Irland noch einmal über den “Vertrag von Lissabon” ab!
Das ist bald. In einer knappen Woche! Einstweilen nimmt das hier fast niemand wahr. Doch im Vergleich zu der wirklich mageren Bedeutung eines österreichischen Landtages, geht es beim Referendum in Irland für alle EU-Mitglieder um sehr viel.
Landtage in Österreich haben wenige Kompetenzen von Bedeutung. Ja, ein bisschen Energiepolitik lässt sich machen, das soll nicht unterschätzt werden. Aber auch auf dem Feld der “Energiewende” kommen dem Bund, den Städten und nicht zuletzt der EU-Ebene mehr Schlüsselfunktionen zu, als einem Landtag. Der hässlich geführte Landttagswahlkampf in OÖ ist besorgniserregend aufgrund des Klimas, das er in der Gesellschaft schürt. Aber die reale Gestaltungskompetenz, die ein FPÖ-Landesrat haben wird, ist gar nicht so weitreichend. (In einem Punkt sind Landtagswahlen tatsächlich von Bedeutung: Landtagssitze bringen Parteienförderung, wer im Landtag gut vertreten ist, hat Geld, d.h. eine FPÖ wird nach dem kommenden Sonntag noch ein besseres Budget haben, um ihre Grauslichkeiten zu publizieren!)
Sollte das Referendum in Irland hingegen negativ ausgehen, ist ganz Europa in Geiselhaft - einschließlich Oberösterreich, das nun mal auch in Europa liegt.
Niemand weiß, was geschehen wird, sollte es den Vertrag von Lissabon nicht geben. Sicher ist nur, dass es verheerende Gräben aufreißen würde, dass die EU große Mühe hätte, sich aus der Sackgasse hinauszumanövrieren, und auch wenn im Lauf von Jahren ein Ausweg gelingen sollte (was ich durchaus hoffen würde), dann wäre bis dahin soviel Porzellan zerschlagen, so viel Wirtschaftskrise mit allen einhergehenden Entsolidarisierungen über Europa hereingeschwappt, soviel Klimaschutzziele versäumt, soviel Schock und Erstarrung in der europäischen Elite eingetreten, dass eine zerissene europäische Gesellschaft größte Mühe hätte, den Herausforderungen der Zeit auch nur halbwegs zu begegnen.Von hehren Wünschen an mehr Demokratie, Offenheit, mehr Transparenz in der Politik bei gleichzeitig mehr Datenschutz für die Privatsphäre, oder gar einer konstruktiven europäischen Außenpolitik ganz zu schweigen!
Aber einstweilen wissen wir davon nichts und wollen es nicht wissen. Irland ist weit, wer kennt sich dort schon aus. Einstweilen beschäftigen wir uns lieber damit, dass eine deutsche Grüne vor laufender Fernsehkamera einen Fisch tollpatschig erschlagen hat, und eine andere Grüne daher (oder doch nicht nur deshalb) aus der Partei austrat, sowie mit diversen Rülpsern rechter und rechts-überholen-wollender Landespolitiker.
Ich wünsch mir für Sonntag:
Einen Einzug des LIF in den Linzer Gemeinderat. Deren Spitzenkandidat Laurent Straskraba ist überzeugend, authentisch, ehrlich (komische Eigenschaften in der Politik…) - das soll sich lohnen!
Ich würde dem Rudi Anschober sehr gönnen, dass er wenigstens nicht allzu weit hinter der FPÖ landen möge.
Und dann wünsche ich mir, dass in einer Woche die Irinnen und Iren uns - meinetwegen ganz unbemerkt von uns, die wir ja so weit weg sind - von “Nizza” erlösen und “Lissabon” eine Chance geben. Wenn “Lissabon” in Kraft tritt, ist bei weitem nicht alles getan! Aber ein Boden, auf dem sich wenigstens versuchen lässt, eine konstruktive Europapolitik zu entwickeln und diese Poltik nicht “näher zu den Menschen zu bringen”, sondern von vorne herein MIT “den Menschen” zu gestalten - ein solcher Boden wäre dann gelegt. Spätestens am 3. Oktober wird es sich auch nach Österreich herumsprechen.
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Lesen lernen
10.9.2009 von ruth.
In der Österreich-Ausgabe der ZEIT (leider nicht auf ZEIT online) ist heute ein interessanter und zugleich bedrückender Artikel über modernen Analphabetismus. Das Thema - keineswegs ein rein österreichisches Phänomen - ist nicht neu. Es taucht ziemlich regelmäßig einmal jährlich auf, denn da gibt es so einen “Welttag der Alphabetisiertung” - der so viel nützt, wie “Welttage” dieser Art nützen. Immerhin ermöglichen sie den einen oder anderen Zeitungsartikel. Besonders schwierig ist das Problem durch die hohe Dunkelziffer. Betroffene schämen sich in einer Gesellschaft, in der es einfach nicht vorgesehen ist, dass jemand nicht (ausreichend) lesen kann.
Liest man Beiträge wie jenen in der heutigen ZEIT, dann mag man den Eindruck bekommen, es sei vielleicht primär eine ältere Generation betroffen: Diejenigen, die weiland noch von der Hauptschule in die Sonderschule geschickt wurden, ohne dass jemand näher auf die Ursache ihrer Probleme eingegangen wäre. In der Zwischenzeit hat sich im Schulbetrieb vieles verändert und Kinder mit Lernschwächen haben doch etwas größere Chancen, richtig betreut zu werden, als noch vor 20-30 Jahren. Wissen tun wir es bei so immenser Dunkelziffer natürlich nicht, - immerhin ist es ja üblich, dass Leute mit groben Lerndefiziten auch Strategien entwickeln, das Problem vor sich selbst und ihrer Umgebung zu vertuschen. Bis ein einschneidendes Erlebnis (oder doch richtige Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit!) dazu führt, dass Betroffene Rat suchen, kann es dauern.
Aber selbst wenn (wenn!) ich mich der Hoffnung hingebe, dass unter den SchulabgängerInnen der letzten Jahre die Quote der “funktionalen Analphabeten” geringer sein könnte, ist da jedenfalls noch etwas: Die Sache, die in den diversen Studien unter “sinnerfassend Lesen” subsumiert ist. Ich kenne sie aus eigenem Erleben aus somancher Unterrichtsstunde: Junge Leute, die irgendeine Pflichtschule mit ach-und-krach absolviert haben, mit Glück und Unterstützung vielleicht sogar eine Lehre schaffen - und die sehr wohl auf den ersten Blick überzeugend lesen können, soweit lesen, dass sie eine facebook-Seite öffnen können und in diese facebook-Seite munter allerlei hineintippen. Aber wenn sie einen Text vom Schwierigkeitsgrad eines Lexikonartikels vorgelegt bekommen, oder ein unübersichtlich gestaltetes Formular ausfüllen sollen, dann sind sie überfordert.
Geschätzte 300.000 oder auch mehr “funktionale Analphabeten” in Österreich. Dazu diejenigen, die munter lesen, aber deren Lese-Horizont nicht über die U-Bahn-Zeitung hinausreicht.
Bei mir zählen Bücher zu den Grundnahrungsmitteln, und so bereiten mir solche Situationen einen großen tiefen Schmerz. Welch einen grauenhaften Verlust erleiden Menschen in ihrem Leben, wenn ihnen ein gutes Buch verwehrt bleibt! Wir reden hier nicht von freier Entscheidung, etwas auch einmal nicht lesen zu wollen - sondern davon, dass die Wahl der Lektüre durch eine Barriere eingeschränkt wird, die Betroffene ohne Hilfe nicht so einfach überwinden könnten. Wie gelingt es, dass Österreich (oder: Europa?) lesen lernt?
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von wegen Politikverdrossenheit!
31.8.2009 von ruth.
Das Saarland ist für deutsche Verhältnisse ein relativ kleines Bundesland. Doch mit dem gestrigen Ergebnis seiner Landtagswahlen erregt es grenzüberschreitende Aufmerksamkeit. Nicht nur weil das Wahlergebnis - gemeinsam mit dem von Sachsen und Thüringen - Anzeichen für die kommende deutsche Bundestagswahl beinhalten könnte (oder doch nicht….). Spannend am Saarländer Ergebnis ist, dass sich ungewohnt viele und neue Koalitionsvarianten ausgehen. Neben dem althergebrachten schwarz-rot kann theoretisch auch rot-rot-grün und die sogenannte “Jamaika-Koalition” schwarz-gelb-grün gebildet werden. Das kann noch lebendige Koalitionsverhandlungen ergeben!
Viel Althergebrachtes hat man in den üblichen Floskeln des Wahlabends auch diesmal gehört: Etwa wenn eine Partei (in diesem Fall die saarländische SPD) ihr schlechtestes Wahlergebnis seit Jahrzehnten (!) ungeniert bejubelt - denn es kann sich ja ausgehen, dass sie in der Regierung bleibt. Wer am Futtertrog der Regierungsbeteiligung Anteil haben kann, ist gewillt, über schlechte Wahlergebnisse hinwegzusehen. Eine Einstellung, die allzu deutlich das Volk für dumm verkauft, aber leider auch anderen Orts wohlbekannt ist!Sorgen macht gewiss der überdeutliche Sieg der “Linken”, denn ihr Spitzenmann Lafontaine ist einer jener Populisten, deren auf “einfach” getrimmte Inhalte gefährlich werden können.
Doch da ist noch etwas am Wahlergebnis des Saarlandes, das, in der breiten Berichterstattung am Rande erwähnt, meines Erachtens zu wenig Aufmerksamkeit erfuhr: Die hohe Wahlbeteiligung! Während man sich längst daran gewöhnt hat, Wahlbeteiligungen sinken zu sehen und regelmäßig die angebliche Politikverdrossenheit der Menschen in den “westlichen” Demokratien diskutiert wird, sehen wir hier auf einmal eine rasant gestiegene Wahlbeteiligung (stolze 67,7% statt im Jahr 2004 nur 55,5%)! Ich gehöre keinesfalls zu denen, die hohe Wahlbeteiligungen vorschnell automatisch mit gesunder Demokratie gleichsetzen. Wer in Österreich aufgewachsen ist, weiß gut, dass die höheren Wahlbeteiligungen von einst hierzulande nichts mit entwickelterer Demokratie sondern vielmehr mit einem geradezu bedenklich hohen Organisationsgrad der zwei Großparteien zu tun hatten! Trotzdem besteht natürlich kein Zweifel daran, dass kontinuierlich zurückgehende Wahlbeteiligungen Sorgen machen und die Frage nach dem “Warum” aufwerfen. - Nun sehen wir plötzlich, dass es die Bewegung in die andere Richtung sehr wohl geben kann! Eine kompetente Analyse der gestiegenen Wahlbeteiligung muss ich den ExpertInnen für deutsche Verhältnisse überlassen. Doch soweit von dieser Seite des österreichischen Gartenzauns eine Vermutung möglich ist, scheint es ganz einfach: Wenn Menschen spüren, dass sich etwas tatsächlich verändern kann - sei es eine erwünschte Wende, oder vielleicht auch Furcht vor einem unerwünschten Ergebnis - dann ist der Gang zu den Wahlurnen sogleich doch attraktiv! Wohl sind es eher manche Politiker(-innen) über die Verdrossenheit herrscht, und nicht die Politik an sich!
Ich will aber auch nicht verheimlichen, dass ich gestern am Nachmittag noch bevor die deutschen Wahlergebnisse online waren, genau das umgekehrte Erlebnis hatte: In Linz versicherte mir eine sehr liebe Kellnerin in einem Altstadtlokal, dass sie überhaupt noch nie wählen war, und “die” machen sollen “was sie wollen”, “aber ohne mich”. Ja, sie ist nicht die einzige, die erst überzeugt werden muss…
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Vom Übersetzen jüdischer heiliger Texte
21.8.2009 von ruth.
Ein erfreulich gutes Buch will ich heute vorstellen: “Translating Religion” verfasst von Benjamin H. Hary, erschienen bei Brill - um den leider weniger erfreulichen Preis von Euro 130.,- (Ich hatte dank einer Vorinformation aus einem Fach-Newsletter gerade noch Gelegenheit, es zum verbilligten Subskriptionspreis zu ergattern, und konnte somit ein Exemplar für die Bibliothek der WGJS zu einem zumutbaren Preis anschaffen.)
Das Buch trägt den Untertitel “Linguistic Analysis of Judeo-Arabic Sacred Texts from Egypt”, und handelt also primär von arabischen jüdischen Übersetzungen aus dem ägyptischen Raum. Bevor der Autor jedoch zur genaueren Analyse der arabischen Texte vordringt, beschreibt er in den ersten beiden Kapiteln das Spektrum der jüdischen Sprachvarietäten und ihrer Übersetzungskulturen, um den Platz des Judeo-Arabischen innerhalb dieses Spektrums auszuloten. - Und hier ist nun der Teil des Buches, den ich für den besonders erfreulichen halte. Denn während mir an zahlreichen Publitkationen über jüdische Bibelübersetzungen (sowie Texten wie Torah, Haggadot, Pirke Avot, Siddur etc.) immer wieder aufstieß, dass die Analysen zu eng an der jeweils untersuchten Sprache und Epoche klebten, wurde hier von Hary ein sehr weites Spektrum der jüdischen Übersetzungskultur heiliger Texte mit ins Bild geholt. - Ein Vorgang den ich für essentiell halte, um auch die Position des jeweiligen spezifischen Untersuchungsgegenstandes dann besser verstehen zu können!
Dies macht die ersten Kapitel des Buches auch interessant für LeserInnen, die sich nicht spezifisch für arabische Texte sondern für Fragen jüdischer Übersetzungskultur religiöser Texte generell interessieren. Sehr erfrischend ist der differenzierte Umgang des Autors mit dem Begriff “jüdischer Sprachen” - nicht immer ist eine Varietät gleich als “Sprache” einzuordnen - hier gibt Harys Darstellung einen fortgeschrittenen Diskurs über das Spektrum der jüdischen Varietäten wieder, der sich m.E. erfreulich von älteren Publikationen abhebt (wo manchmal jeder jüdische Fachausdruck gleich zum Beleg für eine angebliche “jüdische Sprache” erhoben wurde). Auch dem dritten Kapitel, welches nun spezifischer zum Wesen der judeo-arabischen Übersetzungen fortschreitet, lässt sich noch ohne Arabisch-Kenntnisse folgen, wodurch es einen wertvollen Beitrag leisten kann für LeserInnen, die sich mit einer anderen jüdischen Sprachvarietät beschäftigen, und ihren Horizont um einen Einblick in das arabische Feld erweitern wollen.
Erst ab den folgenden Kapiteln wird das Buch wohl nur mehr für hartgesottene SprachwissenschaftlerInnen, die über Arabisch-Kenntnisse verfügen, zum echten Lesegenuss.
Zugegebenerweise ist der stolze Preis, den der Brill-Verlag für das qualitätvolle Werk nimmt, nicht angemessen für solche LeserInnen, die nur die ersten drei Kapitel daraus lesen wollen. Aber für den Fall, dass es in der Universitätsbibliothek nicht auftachen sollte: Wir haben es in der Bibliothek der Wiener Gesellschaft für Jüdische Studien!
Wenn ich nun so über den Preis geklagt habe, sei zur Ehre des Verlags noch angemerkt, dass die technische Ausführung des Druckes exzellent ist. Schon allein die Tatsache, dass die Publikation in drei Schriften mit einem Heer an Sonderzeichen (zur Darstellung arabischer Begriffe in lateinischer Umschrift sowie zur Darstellung von Arabisch in Hebräischer Schrift…) daherkommt, ist für die Editionsarbeit eine Herausforderung, vor der wir Respekt haben wollen. Trotz allen Verständnisses dafür, hoffe ich sehr, dass es beim angekündigten zweiten Band (der Textbeispiele bringen soll), wieder die Gelegenheit eines Subskriptionspreises geben wird!
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