Hatten Sie lauter Sehr Gut im Volksschulzeugnis?

Ich habe mein altes Volksschulzeugnis der 4. Klasse angeschaut. Da waren nicht nur Einser, sondern auch zwei Zweier (in „Musikerziehung“ und in „Bildnerische Erziehung“). Im Semesterzeugnis brachte ich es sogar auf drei Zweier. Na und? Ist doch egal? (Schließlich habe ich später die Matura in Musik eh mit „Sehr Gut“ gemacht…) Heute wäre das nicht so egal. Heute darf ein Kind mit so einem Zeugnis damit zwar grundsätzlich in ein Gymnasium – aber nicht unbedingt in das Gymnasium seiner Wahl. Denn immer mehr Gymnasien in Wien sind so überbucht, dass sie als Aufnahmekriterium „lauter Sehr Gut“ im Volksschulzeugnis verlangen. Es gibt bereits seit einigen Jahren in Wien Schulen, die auch Kinder mit Notendurchschnitt 1,0 ablehnen müssen, weil sie schon voll sind. Es geht nicht nur um Schulen mit speziellen Schwerpunkten, die vielleicht zu beliebt wären. Es geht auch um Schulen, die sich nicht durch ein besonderes Programm oder einen vornehmen Ruf auszeichnen, sondern einfach durch ihren Standort. Wiener Raumplanung hat es zustandegebracht, in Außenbezirken viel Wohnraum für junge Familien zu bauen, aber zu vergessen, dass diese jungen Familien auch Schulen für ihre Kinder benötigen werden.

Was heißt dies?

Es heißt nicht, dass die „Lauter-Sehr-Gut“-Kinder die begabtesten sind. Und obwohl man annehmen muss, dass „Lauter Sehr Gut“ eine gewisses Minimum an Disziplin voraussetzt, weiß ich aus eigener Unterrichtserfahrung, dass diese Kinder nicht unbedingt die mit dem besten Betragen sind. Da es ja heute keine Betragensnoten mehr gibt, wirkt sich das „Verhalten in der Schule“ auf den Notendurchschnitt so gut wie nicht aus. Wer sind diese Kinder?

Aus meiner Erfahrung und aus den Erzählungen von Eltern verschiedenen Hintergrunds habe ich den Eindruck: Die „Lauter-Sehr-Gut“-Kinder sind jene, wo die Eltern am aktivsten hinter den Noten her sind. Nicht das Kind, die Eltern – meistens übrigens die Mutter. Und dies hat natürlich mit dem Bildungs-Hintergrund der Eltern zu tun. Solche Eltern, die selbst keine höhere Schulbildung hatten (wie es bei meinen der Fall war) kommen nicht mitten in der Volksschulzeit des Kindes auf die Idee, bereits nach den Aufnahmekriterien eines bestimmten Gymnasiums zu fragen und ein Jahr vorher schon Schulen abzuklappern um die ideale Wunsch-Schule für das Kind zu suchen. Dies tut man in Kreisen, in denen z.B. ich nicht aufgewachsen bin. Und nicht alle Eltern fangen bereits mitten in der Volkssschulzeit an, die Lehrerin regelmäßig darauf anzusprechen, wie es mit dem Sehr Gut ausschauen wird, denn das Kind werde ja unbedingt lauter Sehr Gut benötigen, um in diese und jene Schule zu können. Wenn ich in einem Fach wie dem Religionsunterricht (!), die Sehr-Gut-Sorgen von Müttern erlebt habe, kann man sich gut ausmalen, dass VolksschullehrerInnen auch in Fächern wie Musikerziehung und Bildnerische Erziehung Hemmungen entwickeln werden, dem Kind durch einen Zweier den Weg ins gewünschte Gymnasium zu versperren. Auf diese Art werden Zeugnisse natürlich noch weniger aussagekräftig als sie so schon sind. Wenn die Frau Lehrerin ja doch bitte nicht wegen einer schlampigen Zeichnung so weit gehen kann, dem armen Kind… - dann sagt ein solcherart gegebenes Sehr Gut auch nix aus. Es kann sein, dass das Kind wirklich super zeichnet, oder es kann sein, dass die Mutter schon oft genug vorgesprochen hat. Und vielleicht geht die Lehrerin auch wegen eines verpatzen Aufsatzes doch nicht so weit…

Die Aufnahmebedingung „Lauter Sehr Gut“ schließt nicht nur gewisse Kinder aus gewissen Schulen aus, sondern sie schafft auch auch Ghettos für die aufgenommenen selbst. Eine Klasse, in der lauter Kinder sitzen, die im letzten Volksschuljahr Notendurchschnitt 1,0 hatten! Welch eine soziale Monokultur! Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies der Persönlichkeitsbildung gut tun wird. Werden in dieser Klasse Kinder „mit Migrationshintergrund“ sein? Ja, mit deutschem oder schweizerischem Migrationshintergrund, ganz gut. Aber wie viele mit bosnischem oder türkischen? Als ich einst als kleines Arbeiterkind im Gymnasium mit für mich viel zu noblen höheren Töchter aus Hietzinger Anwaltsfamilien zusammenstieß, war dies gar nicht einfach. Doch es wahr lehrreich, und zwar nicht nur für mich, sondern gewiss auch für die andere Seite. Auch dass da Kollegen waren, die „Serbokroatisch“ als Muttersprache führten, war lehrreich. Heute würde es jener höheren Tochter, die mir mal in einer Schulpause erklärte, sie komme ja aus einer guten Familie im Gegensatz zu mir, nicht mehr passieren, mit so einem Fratz wie mir in einer Klasse zu sein.

Wir pflegen von der dringend benötigten gemeinsamen Schule für 10-14-Jährige zu sprechen. Ja! Aber übersehen wir nicht, dass wir auch noch ganz andere Mechanismen haben, Ghettos in den öffentlichen Schulen Wiens zu bilden!

 

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