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Buchbesprechung: Voggenhuber “Reden gegen die Schwerkraft”
(Teil 1)
Wer eine Buchbesprechung schreibt, sollte das Buch auch gelesen haben. Deshalb bin ich schon ein wenig spät dran: Johannes Voggenhubers Buch „res publica - Reden gegen die Schwerkraft“ ist bereits im Herbst erschienen.
Johannes Voggenhuber hat mit diesem Buch einen ungewöhnlichen Weg beschritten, denn Reden-Sammlungen sind heutzutage nicht grad modern. Das Erfrischende an dieser Form ist die Authenzität der Beiträge, die – wenngleich oft gekürzt, und auf dem Weg vom Mündlichen zum Schriftlichen gewiss geglättet – das wiedergeben, was gesagt wurde, ohne nachträgliches Biegen und Relativieren. Ein Nachteil mag sein, dass jüngere Leserinnen und Leser nicht automatisch den Hintergrund kennen, vor dem diese Reden gehalten wurden. Doch es lohnt sich gewiss, sich auch dann auf diese Texte einzulassen!
Das Buch eröffnet mit dem Europa-Teil, um dann zu den Reden aus dem Nationalrat zu gehen (1990er-Jahre), dann folgt das Salzburg-Kapitel (1980er-Jahre). Am Ende kehrt die Sammlung zum Aktuellen zurück mit den Beiträgen, die Voggenhuber 2010 für die „Zeit“ schrieb. Ich habe bei der Lektüre mit dem ältesten, dem Salzburg-Teil begonnen, um dann zu den Reden aus dem Nationalrat fortzuschreiten. Ich will es daher auch hier in dieser Reihenfolge vorstellen.
Voggenhubers Zeit als Stadtradt von Salzburg 1982-87 und die berühmt gewordene, von ihm eingeleitete Salzburger Architekturreform sind nicht in Form von Reden dokumentiert, sondern durch einen Beitrag aus einer Sondernummer der italienischen Architekturzeitschrift LOTUS aus dem Jahr 1993. Für jüngere LeserInnen (und/oder solchen, die mit Salzburg nicht vertraut sind) wird hier Einiges neu zu entdecken sein. Salzburg-Kundige werden Vieles aus Voggenhubers 1988 erschienenen „Berichten an den Souverän“ wiedererkennen. Zunächst regt sich bei der Lektüre, mehr als 20 Jahre danach, der Gedanke, das sei nun alles länger her, und wäre heute ja doch nicht mehr so – eine Bürgerinitiative, welche mit Widerstand gegen Bauprojekte die etablierte Politik einer Stadt dermaßen in Aufruhr versetzte, das waren Zeiten… Also eine beeindruckende Dokumentation von anno dazumals?
Nun ja, ich schreibe diese Zeilen einige Häuserblocks entfernt vom „Augartenspitz“ in Wien, einem Bauprojekt das auf heftige Proteste beinahe aller Anrainer stieß, bei dessen Bewilligung Denkmalschutz und andere Rechtsvorschriften erstaunlich locker ausgelegt wurden – und dessen Verwirklichung derzeit bloß vom Winter und nicht etwa von der Grünen Regierungsbeteiligung unterbrochen wird. So unaktuell sind die Beschreibungen der Salzburger Missstände von einst also doch nicht! Wien darf noch Salzburg werden.
Dass in Salzburg selbst vieles nach 1987 auch wieder rückgängig gemacht bzw.verabsäumt wurde, beschreibt ein Beitrag (ursprünglich ein Zeitungskommentar) unter dem uncharmanten aber treffenden Titel „Das süße Gift der Provinz“.
Wenn wir uns nun aus der „Provinz“ in die Bundeshauptstadt zu den Reden aus dem Nationalrat begeben, wird das Wechselbad der vielfältigen Eindrücke dichter. - Gewiss gibt es auch hier Beiträge wo der/die LeserIn an mittlerweile schon etwas entferntere Zeiten erinnert wird (die Paymann-Debatte etwa). Bei den Debatten rund um das Entschädigungsgesetz für NS-Opfer wird man allerdings auch daran erinnert, WIE krass der Widerstand gegen das Erinnern in Österreich in den 90er-Jahren noch war und wie unendlich schwierig es war, einer österreichischen Regierung wenigstens diesen Entschädigungsfonds zu entreißen! Eine enorme Energie, die Voggenhuber mit Herz und Seele in das Ringen um das Entschädigungsgesetzt hineingelegt hat, leuchtet aus diesen berührenden Reden. Nicht weniger feurig setzen sich zahlreiche Beiträge mit dem Aufstieg der FPÖ unter Haider auseinander. Erfrischend, dass es zwischendurch auch unterhaltsam wird, wenn Voggenhuber die FPÖ auch mal ironisch aufs Korn nahm (Rede vom 28.1.93 im Zusammenhang mit dem Volksbegehren „Österreich zuerst“). Beklemmend wird die Lektüre aber insbesondere bei den Debatten um das Asylgesetz. Denn diese Reden könnte man wortwörtlich heute immer noch verwenden! Hier versteht man allzu gut die Überschrift über dem Österreichkapitel: Sisyphusreden.
Wenn wir zum Europa-Kapitel weiterwandern, wird es wieder etwas heller. Doch mehr davon in Teil II dieser Buchbesprechung demnächst.