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Lesen lernen

Dieser Eintrag stammt von ruth Am 10.9.2009 @ 16:20 In Bildung | Keine Kommentare

In der Österreich-Ausgabe der ZEIT (leider nicht auf ZEIT online) ist heute ein interessanter und zugleich bedrückender Artikel über modernen Analphabetismus. Das Thema - keineswegs ein rein österreichisches Phänomen - ist nicht neu. Es taucht ziemlich regelmäßig einmal jährlich auf, denn da gibt es so einen “Welttag der Alphabetisiertung” - der so viel nützt, wie “Welttage” dieser Art nützen. Immerhin ermöglichen sie den einen oder anderen Zeitungsartikel. Besonders schwierig ist das Problem durch die hohe Dunkelziffer. Betroffene schämen sich in einer Gesellschaft, in der es einfach nicht vorgesehen ist, dass jemand nicht (ausreichend) lesen kann.

Liest man Beiträge wie jenen in der heutigen ZEIT, dann mag man den Eindruck bekommen, es sei vielleicht primär eine ältere Generation betroffen: Diejenigen, die weiland noch von der Hauptschule in die Sonderschule geschickt wurden, ohne dass jemand näher auf die Ursache ihrer Probleme eingegangen wäre. In der Zwischenzeit hat sich im Schulbetrieb vieles verändert und Kinder mit Lernschwächen haben doch etwas größere Chancen, richtig betreut zu werden, als noch vor 20-30 Jahren. Wissen tun wir es bei so immenser Dunkelziffer natürlich nicht, - immerhin ist es ja üblich, dass Leute mit groben Lerndefiziten auch Strategien entwickeln, das Problem vor sich selbst und ihrer Umgebung zu vertuschen. Bis ein einschneidendes Erlebnis (oder doch richtige Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit!) dazu führt, dass Betroffene Rat suchen, kann es dauern.

Aber selbst wenn (wenn!) ich mich der Hoffnung hingebe, dass unter den SchulabgängerInnen der letzten Jahre die Quote der “funktionalen Analphabeten” geringer sein könnte, ist da jedenfalls noch etwas: Die Sache, die in den diversen Studien unter “sinnerfassend Lesen” subsumiert ist. Ich kenne sie aus eigenem Erleben aus somancher Unterrichtsstunde: Junge Leute, die irgendeine Pflichtschule mit ach-und-krach absolviert haben, mit Glück und Unterstützung vielleicht sogar eine Lehre schaffen - und die sehr wohl auf den ersten Blick überzeugend lesen können, soweit lesen, dass sie eine facebook-Seite öffnen können und in diese facebook-Seite munter allerlei hineintippen. Aber wenn sie einen Text vom Schwierigkeitsgrad eines Lexikonartikels vorgelegt bekommen, oder ein unübersichtlich gestaltetes Formular ausfüllen sollen, dann sind sie überfordert.

Geschätzte 300.000 oder auch mehr “funktionale Analphabeten” in Österreich. Dazu diejenigen, die munter lesen, aber deren Lese-Horizont nicht über die U-Bahn-Zeitung hinausreicht.

Bei mir zählen Bücher zu den Grundnahrungsmitteln, und so bereiten mir solche Situationen einen großen tiefen Schmerz. Welch einen grauenhaften Verlust erleiden Menschen in ihrem Leben, wenn ihnen ein gutes Buch verwehrt bleibt! Wir reden hier nicht von freier Entscheidung, etwas auch einmal nicht lesen zu wollen - sondern davon, dass die Wahl der Lektüre durch eine Barriere eingeschränkt wird, die Betroffene ohne Hilfe nicht so einfach überwinden könnten. Wie gelingt es, dass Österreich (oder: Europa?) lesen lernt?


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