Eindrücke vom Beginn des Uni-Semesters

Die Aufregung um Arbeitszeit der LehrerInnen, hat nicht nur die Debatte um den Zustand von Österreichs Schulen in eine falsche Richtung gelenkt, sie hat auch ein anderes - nicht weniger akutes - Problem in den Hintergrund treten lassen: Den Zustand österreichischer Universitäten. An der Politikwissenschaft der Uni Wien ist das Fass der Unzumutbarkeiten zu Beginn dieses Semesters immerhin soweit übergelaufen, dass eine öffentliche Diskussion mitsamt etwas Medienecho (Standard, Presse) losgetreten wurde. Hunderte Leute, die in eine für 30 Personen ausgerichtete Lehrveranstaltung drängen sind nur die Spitze des Eisberges. Die Universität ächzt und knarrt in allen Fugen, knapp am Zusammenbruch vorbei wurschtelt sie sich notdürftig durch den Betrieb. Wie kann unter solchen Bedingungen Qualität geschaffen werden? Ich wundere mich immer mehr über jene Lehrveranstaltungen, die trotz all der Umstände immer noch summa summarum GUTE Lehrveranstaltungen sind. Sie sind nicht zahlreich, aber es gibt sie.

Doch auch dort, wo fähige und eifrige Lehrende unermüdlich trotz der Wirren eines kaputten Betriebes, ihren StudentInnen noch so etwas wie wissenschaftliche Qualifikation vermitteln, gibt es Grund zum Staunen. - Daher will ich ein paar Eindrücke aus einem Seminar erzählen, das eindeutig zu den guten Ausnahmen zählt:

Bei der Anmeldung zum SE stimmten zwei Dinge positiv: Der Professor einer jener, bei denen man tatsächlich was lernt, und zweitens handelte es sich um einen Kurs, der nur für den neuen Master-Studiengang (plus DissertantInnen) und nicht für das alte Diplomstudium offen war. Da nicht so viele ins neue System umgestiegen sind, sollte dies weniger Überfüllung heißen!  Bei Seminarbeginn waren dann doch gut 50 Leute da, weil wie immer auch solche, die sich nur auf der Warteliste wiederfanden, hineinwollten. Ich mache den ProfessorInnen keinen Vorwurf, dass sie stets auch die noch aufnehmen - täten sie es nicht, wäre der Betrieb längst zusammengebrochen. Klar ist aber auch, dass so kein Seminar zu halten ist. Dass ich sogar im Dissertationsstudium (!) noch um Plätze in Seminaren ringen muss, lässt sich nicht damit wegerklären, dass vielleicht zu viele AnfängerInnen mit falschen Vorstellungen in ein Studium strömen…

In einem Punkt hat der Professor eine Chance gegen die Überfüllung: Es wird ein Lektüreseminar, und die vorgeschriebenen Texte lesen kann jede/r selbst auch bei einer Gruppengröße von 50. Und weil wir es mit einem Prof. zu tun haben, bei dem tatsächlich was gelernt werden soll, besteht die Lehrveranstaltung denn auch in erster Linie darin, dass die zu lesenden Texte zusammengefasst, analysiert, verglichen werden sollen. Entsprechender Nachweis jede Woche schriftlich abzugeben. Soweit so gut und didaktisch sehr löblich. Aber Moment mal! In welchem Studienabschnitt sind wir da? Meine bescheidene Meinung ist, dass so eine Lehrveranstaltung in das Bacherlorstudium gehört. In etwa im letzten Jahr eines Baccherlorstudiums sollte anstehen, dass die Studierenden lernen, wissenschaftliche Texte soweit erfassen zu können, dass sie zu Analysen, Vergleichen, einer Einschätzung der Argumentation des Autors/ der Autorin fähig sind. Was sonst sollte denn ein BA nachweisen, wenn nicht, dass man sein/ihr eigenes Fach soweit begriffen hat? Tut es aber nicht. Wir sind hier in einer Veranstaltung, die sich an Master-Studierende wendet und auch noch für DissertantInnen offen ist! Das Peinliche ist: Der Professor hat recht. Es ist ja nicht so, dass die Leute in ihrem bisherigen Studienabschnitt das, was er hier vermitteln will, ausreichend gelernt hätten. Was aber heißt das für ein Studium in Österreich, wenn Fähigkeiten, die jemand mit BA haben sollte, erst im MA-Studium geübt werden, ja auch von Dissertierenden noch geübt werden (müssen)? Was haben die Leute bis dahin (in Seminaren mit 50 TeilnehmerInnen) gelernt, wenn sie jetzt erst damit anfangen? Sich ein bisschen auswendig aufsagbares “Fachwissen” angeeignet, ohne zu verstehen? Wenn überhaupt?

Von so Kleinigkeiten, dass Bücher, die auf der Leseliste stehen, im einen oder anderen Fall in der Bilbiothek der Uni Wien nicht vorhanden sind, darf man sich selbstverständlich schon gar  nicht abschrecken lassen.

Was soll aus solchen Unis werden?

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