Archive für 16.2.2009

von Religions- und Ethikunterricht

(übersiedelt aus meinem alten Blog, ursprünglich vom 5.2.09 / 11. Schwat 5769)
Weg mit dem Religionsunterricht - Her mit dem Ethikunterricht?
Eine wissenschaftlich umstrittene aber dafür umso lauter bekanntgemachte Studie über islamischen Religionsunterricht sorgt für Aufregung. Politik sieht - etwas plötzlich - “Handlungsbedarf”, und Kommentare rufen nach dem längst vergessen geglaubten “Ethikunterricht”.
Als gelernte Österreicherin bin ich mir zwar sicher, dass das Konkordat hierzulande nach wie vor fest im Sattel sitzt, aber das schließt Rufe nach Veränderung nicht aus.
Daher ein paar Anmerkungen:
Das spezifische österreichische System mag eine Privilegierung der “anerkannten Religionsgemeinschaften” darstellen, aber das ist natürlich noch keine Garantie für guten Religionsunterricht. Deshalb bin ich - entgegen verbreiteter Vorstellungen, dass ReligionslehrerInnen per se darüber glücklich sein müssten, dass der Staat doch für sie sorgt - kein grundsätzlicher Fan des Konkordats. Wer aber nach Veränderung des etablierten Systems ruft, hat zweierlei zu bedenken:
Erstens: Das bestehende System ist geeignet die Kleineren vor der Übermacht der Großen zu schützen. Ein Wegfall der staatlichen (Teil-)förderungen von Religionsunterricht würde gerade die kleinen Minderheiten vor die größeren Finanzierungsprobleme stellen, und die Frage nach einem Ausgleich auf andere Art aufwerfen.
Zweitens: Der von Seiten des Staates ermöglichte Religionsunterricht hat auch den Effekt, dass der Religionsunterricht an der Leine des Staates gehalten werden kann. - Ein Aspekt, der erstaunlich oft in den Debatten übersehen wird. Ein System wie das Konkordat ist ja nicht nur dazu da, den Relgionsgemeinschaften zu geben, sondern erst recht, sie zu kontrollieren! Will der Staat wissen, was im Religionsunterricht geschieht, so tut er gut daran, ihn bei sich zu behalten. In Zeiten wie diesen gehört es zur Verantwortung der Politik, sich dafür zu interessieren, wie die diversen religiösen (und auch ideologischen) Richtungen im eigenen Land miteinander auskommen, und dieses miteinander-Auskommen gegebenenfalls auch zu moderieren.
Hier stoßen wir auf sehr heikle Fragen: Bis wohin reicht die Freiheit der Religionsgemeinschaften? Wo ist eine Grenze, ab der der Staat Vorgaben machen darf? Ab wo wäre es Zensur oder gar ein Angriff auf die Gewissensfreiheit, wenn sich der Staat zu gut für die Religionen interessiert?
Und der “Ethikunterricht”?
Auf Basis meiner Erfahrungen und bezugnehmend auf häufige Fragen bei interreligiösen Dialogveranstaltungen ist mir ein Punkt sehr wichtig: Das Kennenlernen der “Anderen” kann nicht sinnvoll und erfolgreich im eigenen Religionsunterricht abgedeckt werden (wiewohl es heute in Österreich Standard ist, dieses zu erwarten und auch zu versuchen). Bei allem gutem Willen - an dem ich keinen Zweifel habe - ist nicht damit zu rechnen, dass etwa ein christlicher Religionsunterricht Judentum so erklärt, dass ich mich als Jüdin in dieser Erklärung wieder finden würde, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ChristInnen begeistert zustimmen, wenn ich ihre Lehre aus meiner Sicht in “meiner” Unterrichtsstunde erkläre. Das Kennenlernen der Anderen muss auf möglichst neutralem Boden geschehen und im kritischen DIALOG mit den Anderen. Vielleicht nicht erst unter den heutigen Bedingungen der globalisierten Welt, aber heute sicher mehr denn je, ist ein solches Kennenlernen dringend notwendig.
Kann der “Ethikunterricht” das leisten? Wenn überhaupt, dann nicht in Form einer wahlweisen Alternative anstelle von Religionsunterricht, sondern nur als ein zusätzliches Fach, das alle benötigen. Aber ich gestehe, ich habe Zweifel daran, was das mysteriöse Fach “Ethikunterricht” leistet. Schon allein der Titel: Das Kennenlernen verschiedener religiöser und ideologischer Ströme und “-ismen” ist nicht “Ethik”, sondern eine Art von Kulturenkunde. Vielleicht ist das Etikett ja nicht so wichtig, aber wir würden ja auch nicht den Deutschunterricht “Sprachwissenschaft” nennen. Was im - nur selten durchgeführten - Schulversuch Ethikunterricht eigentlich geschieht und was er leistet ist weitgehend unbekannt. Wie dieser Tage in den Zeitungen zu lesen war, erfuhr eine Studie, welche den Ethikunterricht evaluierte, jenes Schicksal, das Studien in der österreichischen Politik generell erfahren: Sie wurde bei der zuständigen Ministerin abgegeben und dann nie mehr wieder darüber gesprochen.
Daher meine Bitte: Bevor jemand über “Ethikunterricht ja oder nein” diskutiert, überlegen wir einmal, was dieses geheimnisvolle Fach überhaupt sein soll (und wie wir es dann sinnvollerweise nennen wollen).

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